Gedichte von Erich Fried

Leben und Sonstiges



Leben und Sonstiges   -   Liebesgedichte

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Als kein Ausweg zu sehen war

Die umherirren
und sagen noch
daß sie wissen
daß sie umherirren
und daß sie noch sagen wollen
was sie in ihrem Umherirren sehen
wenn sie
noch etwas sehen
die haben noch etwas zu sagen

Nämlich daß sie nichts sehen
wenn sie nichts sehen
und daß sie etwas sehen
wenn sie etwas sehen
und daß sie umherirren
weil sie nicht wissen wo
oder ob überhaupt noch
ein Weg der kein Irrweg ist

Und vielleicht ist dann ihr Umherirren gar kein so arges
Umherirren wie das derer die nicht sagen
daß sie wissen daß sie umherirren
und die nicht sagen wollen was sie dabei sehen
oder wenn sie nichts sehen
weil sie nicht sehen wollen
daß sie umherirren
und daß es vielleicht keinen Weg gibt

(Danke an Elena)


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Angst und Zweifel

Zweifle nicht
an dem
der dir sagt
er hat Angst
aber hab Angst
vor dem
der dir sagt
er kenne keine Zweifel


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Anpassung

Gestern fing ich an Sprechen zu lernen
Heute lerne ich Schweigen
Morgen höre ich zu lernen auf

(Danke an Sabu)


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Antwort

Zu den Steinen
hat einer gesagt:
seid menschlich

Die Steine haben gesagt:
Wir sind noch nicht
hart genug


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Aufhebung

Sein Unglück
ausatmen können
tief ausatmen
so daß man wieder
einatmen kann
Und vielleicht auch
sein Unglück sagen können
in Worten
in wirklichen Worten
die zusammenhängen
und Sinn haben
und die man selbst noch
verstehen kann
und die vielleicht sogar
irgendwer sonst versteht
oder verstehen könnte
Und weinen können
Das wäre schon
fast wieder
Glück


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Bedingung

Wenn es Sinn hätte
zu leben
hätte es Sinn
zu leben

Wenn es Sinn hätte
noch zu hoffen
hätte es Sinn
noch zu hoffen

Wenn es Sinn hätte
sterben zu wollen
hätte es Sinn
sterben zu wollen

Fast alles hätte Sinn
wenn es Sinn hätte


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Beim Nachdenken über Vorbilder

Die uns
vorleben wollen

wie leicht
das Sterben ist

wenn sie uns
vorsterben wollten

wie leicht
wäre das Leben.


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Bevor ich sterbe

Noch einmal sprechen
von der Wärme des Lebens
damit doch einige wissen:
Es ist nicht warm
aber es könnte warm sein

Bevor ich sterbe
noch einmal sprechen
von Liebe
damit doch einige sagen:
Das gab es
das muß es geben

Noch einmal sprechen
vom Glück der Hoffnung auf Glück
damit doch einige fragen:
Was war das
wann kommt es wieder?


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Dann wieder

Was keiner geglaubt haben wird
was keiner gewußt haben konnte
was keiner geahnt haben durfte
das wird dann wieder
das gewesen sein
was keiner gewollt haben wollte


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Das Herz in Wirklichkeit

Das Herz
das gesagt hat
"Laß dir nicht bang sein um mich"
friert
und ist bang um die
der es das
gesagt hat.


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Definition

Ein Hund
der stirbt
und der weiß
daß er stirbt
wie ein Hund

Und der sagen kann
daß er weiß
daß er stirbt
wie ein Hund
ist ein Mensch


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Den Herrschenden

Hat es euch Herz und Augen ausgebrannt?
Sind nicht mehr zehn Gerechte in dem Land?

Ihr seid nicht tierisch, denn so schlägt kein Tier.
Keins eurer Opfer ist so tot wie ihr.


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Der Richter

Am Tag,
an dem ich nicht mehr zweifeln muß
an meinem Glauben, Vorsatz und Beschluß
an dem mir alles einfach wird und klar,
an dem ich sicher bin und unfehlbar,
an dem ich lächelnd alten Zweifel schlichte
und mich gerecht weiß und voll Strenge richte den,
der nicht meine wahre Lehre ehrt -
an diesem Tag bin ich zu sterben wert.


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Dialog in hundert Jahren

Der eine sagt:
"Wie schön
das gewesen sein muß
als wir noch an Pest
und an Syphilis
an Scharlach
an Lungenschwindsuchtund
an Krebs
an Herzverfettung
und Schlagfluß
verreckten wie Tiere!"
Der andere fragt ihn:
"Sag was waren das, Tiere?

(Danke an Vik)


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Die Abnehmer

Einer nimmt uns das Denken ab.
Es genügt seine Schriften zu lesen
und manchmal dabei zu nicken.

Einer nimmt uns das Fühlen ab
Seine Gedichte erhalten Preise
und werden häufig zitiert.

Einer nimmt uns die großen Entscheidungen ab
über Krieg und Frieden.

Wir wählen ihn immer wieder.
Wir müssen nur
auf zehn bis zwölf Namen schwören.
Das ganze Leben nehmen sie uns dann ab.


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Die Gewalt

Die Gewalt fängt nicht an
wenn einer einen erwürgt
Sie fängt an
wenn einer sagt:
'ich liebe dich:
Du gehörst mir!'

Die Gewalt fängt nicht an
wenn Kranke getötet werden
Sie fängt an
wenn einer sagt:
'Du bist krank:
Du mußt tun was ich sage'

Die Gewalt fängt an
wenn Eltern
ihre folgsamen Kinder beherrschen
und wenn Päpste und Lehrer und Eltern
Selbstbeherrschung verlangen

Die Gewalt herrscht dort
wo der Staat sagt:
'Um die Gewalt zu bekämpfen
darf es keine Gewalt mehr geben
außer meiner Gewalt'

Die Gewalt herrscht
wo irgendwer
oder irgendwas
zu hoch ist
oder zu heilig
um noch kritisiert zu werden

oder wo die Kritik nichts tun darf
sondern nur reden
und die Heiligen oder die Hohen
mehr tun dürfen als reden

Die Gewalt herrscht dort wo es heißt:
'Du darfst Gewalt anwenden'
aber auch dort wo es heißt:
'Du darfst keine Gewalt anwenden'

Die Gewalt herrscht dort
wo sie ihre Gegner einsperrt
und sie verleumdet
als Anstifter zur Gewalt

Das Grundgesetz der Gewalt
lautet: 'Recht ist, was wir tun.
Und was die anderen tun
das ist Gewalt'

Die Gewalt kann man vielleicht nie
mit Gewalt überwinden
aber vielleicht auch nicht immer
ohne Gewalt


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Die Gleichungen

Ich verlerne
was ich gelernt habe
in der Schule

Zukunft
durch Angst
ist Vergessen

Leben
durch Angst
ist Irrsinn

Vergessen
durch Irrsinn
ist Krieg

Ich weiß noch
das heißt dann
Angst mal Irrsinn ist Leben

Ich weiß auch noch
das heißt
Angst mal Vergessen ist Zukunft

Aber ich weiß nicht
was für eine Zukunft
das ist

Und was ist Angst
mal Angst?

Und was ist dann Friede?

Wir haben als Kinder
doch rechnen gelernt
Wozu?


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Die gute Sache

Wenn ich sehe
was alles
um der guten Sache willen
getan wird
dann denke ich
manchmal
es wäre
vielleicht
eine gute Sache
wenn es überhaupt
keine
gute Sache
mehr gäbe


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Die Liebe und wir

Was soll uns die Liebe?
Welche Hilfe
hat uns die Liebe gebracht
gegen die Arbeitslosigkeit
gegen Hitler
gegen den letzten Krieg
oder gestern und heute
gegen die neue Angst
und gegen die Bombe?

Welche Hilfe
gegen alles
was uns zerstört?
Gar keine Hilfe:
Die Liebe hat uns verraten
Was soll uns die Liebe?

Was sollen wir der Liebe?
Welche Hilfe
haben wir ihr gebracht
gegen die Arbeitslosigkeit
gegen Hitler
gegen den letzten Krieg
oder gestern und heute
gegen die neue Angst
und gegen die Bombe?

Welche Hilfe
gegen alles
was sie zerstört?
Gar keine Hilfe:
Wir haben die Liebe verraten

(Danke an Elena)


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Die Maßnahmen

Die Faulen werden geschlachtet,
die Welt wird fleißig.
Die Hässlichen werden geschlachtet,
die Welt wird schön.
Die Narren werden geschlachtet,
die Welt wird weise.
Die Kranken werden geschlachtet,
die Welt wird gesund.
Die Traurigen werden geschlachtet,
die Welt wird lustig.
Die Alten werden geschlachtet,
die Welt wird jung.
Die Feinde werden geschlachtet,
die Welt wird freundlich.
Die Bösen werden geschlachtet,
die Welt wird gut.


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Diese Leere

Wie leer ist es
da
wo etwas war
Wo WAS war?
Etwas was nicht mehr da ist
Und ist es nicht mehr da?
Warum nicht?
und wirklich nicht?
Kann es nicht wieder da sein?
Darf es nicht wieder da sein?
Ist deshalb alles so leer?

Wie groß
muß gewesen sein
was da war
daß alles jetzt
wenn es vielleicht nicht da ist
oder vielleicht
nicht mehr da sein wird
so leer ist
daß Leere in Leere
übergeht
oder untergeht
oder ruht?

Müßte Ruhe
nicht eigentlich anders sein
als das
was leer ist
und doch
kalt ist
obwohl das Leere
nicht kalt sein kann
als das
was leer ist
und doch noch brennt
obwohl das Leere
nicht brennen kann
als das was leer ist
und doch
den Hals zuschnürt
obwohl das Leere
den Hals nicht zuschnüren kann
Was ist es also?


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Die Verdächtigung

Als ich dich verteidigt hatte
Leila Khaled
im SPIEGEL und im GUARDIAN
gegen die Flüche und Lügen
von Zionisten und westlichen Demokraten
da kamen die Drohbriefe
und Telefonanrufe
mit Schimpfworten und
mit obszönen Verdächtigungen

und wahrscheinlich doppelt so viele
weil ich Jude bin
als Kind vom Hitlerfaschismus
aus meiner Heimat vertrieben
und deshalb nach Meinung der Schimpfer
ein Zionist sein müßte
statt heute Partei zu nehmen
für das vertriebene Kind
Leila Khaled

Unter denen am Telefon
mit geifernden Stimmen
war auch ein Zionist
der sagte der Fall sei ihm klar
ich müsse dich
Leila Khaled
offenbar lieben
und Tag und Nacht an dich denken
Da wurde ich zornig
und hieß ihn zum Teufel gehen
und legte den Hörer auf

Doch er hat recht gehabt
denn ich liebe dich wirklich
dich Leila Khaled
die ich nie gesehen habe
und wahrscheinlich nie sehen werde
und ich denke an dich
Denn dem Haß der Unterdrücker
gegen die die sich wehren
und dennoch weiterleben
und gegen sie zeugen
wirft sich die Liebe entgegen
der aufstehenden Unterdrückten
zu allen Unterdrückten in allen Ländern
die kämpfen mit vielerlei Waffen
den einen Kampf.

(Danke an Thomas)


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Die Warner

Wenn Leute dir sagen:
"Kümmere dich nicht
soviel
um dich selbst"
dann sieh dir
die Leute an
die dir das sagen:
An ihnen kannst du erkennen
wie das ist
wenn einer
sich nicht genug
um sich selbst
gekümmert hat


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Drei Wünsche

Ich wollte manchmal
ich wäre so erfahren, wie ich alt bin
oder auch nur
so klug, wie ich erfahren bin
oder wenigstens
so glücklich, wie ich klug bin
aber ich glaube
ich bin zu dumm dazu.


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Du liebe Zeit

Da habe ich einen gehört
wie er seufzte: "Du liebe Zeit!"

Was heißt da "Du liebe Zeit"?
"Du unliebe Zeit", muß es heißen
"Du ungeliebte Zeit!"
von dieser Unzeit, in der wir
leben müssen.

Und doch
Sie ist unsere einzige Zeit
Unsere Lebenszeit
Und wenn wir das Leben lieben
können wir nicht ganz lieblos
gegen diese unsere Zeit sein.

Wir müssen sie ja nicht genau so
lassen, wie sie uns traf.


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Eifriger Frost

Meine Sonne
ist scheinen gegangen
in deinem
Himmel.

Mir bleibt
der Mond
den ruf ich
aus allen Wolken.

Er will mich trösten.

Sein Licht
sei wärmer
und heller.

Nicht gelb verfärbt
daß man nur noch denkt
ans Erkalten.

Sonne komm wieder!
Der Mond ist
zu hell und
zu heiß für mich!


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Einerlei

"Nichts was nicht neu ist"
sagt ihr:
"Das Alte langweilt"

Nun gut:
Es wurde schon einmal
gelebt
es wurde schon einmal
geliebt
es wurde schon einmal
gerufen
zum Aufstand

Es wurde schon einmal
gebangt um ein krankes Kind
schon einmal ein Kampf
um das Recht und die Freiheit verloren
Es wurde schon einmal
alt geworden
gestorben

Also lohnt es sich nicht mehr
für uns
zu leben zu lieben
uns aufzulehnen
zu hoffen
zu bangen
zu altern
zu sterben

Das alles ist nicht mehr neu
Das langweilt
euch Tote

(Danke an Katja)


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Einer ohne Schwefelhölzer

Alles
was tut
als hätte ich es verloren
sammelt sich heimlich
und ordnet sich
ganz von selbst
zu einem Haus
mit eingerichteten Zimmern.

Es riecht schon nach Brot
in der Küche
Im warmen Bett schlägst du
wirklich du
nackt die Decke zurück
und streckst mir
zum Einzug
zwei lebende Arme entgegen.


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Einige Irrwege

Wer sich abwendet von der Schönheit
der begeht
Verrat an der Schönheit des Lebens
und an der Schönheit der Welt

Wer sich abwendet von der Häßlichkeit
der begeht
Verrat an den Leiden des Lebens
und kämpft nicht mehr gegen Unrecht

Wer nur noch die Schönheit sieht
der geht in die Irre
Wer nur noch die Häßlichkeit sieht
der geht in die Irre
Wer nur noch den Kampf gegen Unrecht sieht
der geht in die Irre

Wer glaubt nie zweifeln zu dürfen
an der Schönheit
an der Häßlichkeit oder sogar
am Kampf gegen Unrecht
der ist so arm geworden
wie der der zweifelt
und glaubt nie mehr glauben zu dürfen


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Ein Menschenkenner

Er sagt
"Ich kann dich lesen
wie ein offenes Buch"
und er glaubt
dass er jedes Buch
das er liest
auch verstehen kann


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Fortritt

Bei günstigem Wind galoppiert
Paradiesgeruch uns entgegen
Dann können wir Atem holen
schon lang vor dem Ziel

Wenn aber der Wind im Rücken steht
weht Leichengestank uns nach
und beschlägt mit Tau oder Reif
den Scheinheiligenschein
unserer Reiter


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Fragen

Wie groß ist dein Leben?
Wie tief?
Was kostet es dich?
Bis wann zahlst du?
Wieviel Türen hat es?
Wie oft hast du ein neues begonnen?
Warst du schon einmal
gezwungen um es zu laufen?
Wenn ja bist du rundherum gelaufen
im Kreis oder hast du
Einbuchtungen mitgelaufen?
Was dachtest du dir dabei?
Woran erkanntest du
daß du ganz herum warst?
Bist du mehrmals gelaufen?
War das dritte Mal wie das zweite?
Würdest du lieber
die Strecke im Wagen fahren?
oder gefahren werden?
in welcher Richtung?
Von wem?


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Fragen und Antworten

Wo sie wohnt?
Im Haus neben der Verzweiflung.
Mit wem sie verwandt ist?
Mit dem Tod und der Angst.
Wohin sie gehen wird
wenn sie geht?
Niemand weiß das.

Von wo sie gekommen ist?
Von ganz nahe oder ganz weit.
Wie lange sie bleiben wird?
Wenn du Glück hast
solange du lebst.
Was sie von dir verlangt?
Nichts oder alles.

Was soll das heißen?
Daß das ein und dasselbe ist.

Was gibt sie dir
- oder auch mir - dafür?
Genau soviel wie sie nimmt
Sie behält nichts zurück.
Hält sie dich
- oder mich - gefangen
oder gibt sie uns frei?
Es kann uns geschehen
daß sie uns Freiheit schenkt.
Frei sein von ihr
ist das gut oder schlecht?
Es ist das Ärgste
was uns zustoßen kann.

Was ist sie eigentlich
und wie kann man sie definieren?
Es heißt daß Gott gesagt hat
daß er sie ist.


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Frau Welt

Ich bin
zur Welt gekommen
und bin nun endlich
so weit
laut zu fragen
wie ich dazukomme
zu ihr zu kommen

Sie kommt
und sagt leise:
Du kommst nicht
du bist schon im Gehen


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Futurologie

Während sie
von einer Zwischenlösung
der Lebensprobleme
ihrer Kinder
erfolgreich übergehen
zu Vorarbeiten
an einer Theorie
zur Lösung aller
Probleme der Kindeskinder
kommen sie nicht umhin
aus alter Gewohnheit
an ihren eigenen Problemen
zu krepieren


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Gebranntes Kind

Gebranntes Kind fürchtet das Feuer
Gebrannten Kindes Kinder fürchten das Feuer nicht
Gebrannten Kinds Kindeskinder malen sich aus
wie schön die Großeltern brannten und sammeln feurige Kohlen
Nochmals gebranntes Kind fürchtet kein Feuer mehr
Asche ist furchtlos

(Danke an Sabu)


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Gedichte lesen

Wer
von einem Gedicht
seine Rettung erwartet
der sollte lieber
lernen
Gedichte zu lesen

Wer
von einem Gedicht
keine Rettung erwartet
der sollte lieber
lernen
Gedichte zu lesen


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Gegen Vergessen

Ich will mich erinnern
dass ich nicht vergessen will
denn ich will ich sein
Ich will mich erinnern
dass ich vergessen will
denn ich will nicht zuviel leiden

Ich will mich erinnern
dass ich nicht vergessen will
dass ich vergessen will
denn ich will mich kennen

Denn ich kann nicht denken
ohne mich zu erinnern
denn ich kann nicht wollen
ohne mich zu erinnern
denn ich kann nicht lieben
denn ich kann nicht hoffen
denn ich kann nicht vergessen
ohne mich zu erinnern

Ich will mich erinnern
an alles was man vergisst
denn ich kann nicht retten
ohne mich zu erinnern
auch mich nicht und nicht meine Kinder

Ich will mich erinnern
an die Vergangenheit und an die Zukunft
und ich will mich erinnern
wie bald ich vergessen muss
und ich will mich erinnern
wie bald ich vergessen sein werde


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Gespräch mit einem Überlebenden

Was hast du damals getan, was du nicht hättest tun sollen?
"Nichts".
Was hast du nicht getan, was du hättest tun sollen?
"Das und das - dieses und jenes: einiges".
Warum hast du es nicht getan?
"Weil ich Angst hatte".
Warum hattest du Angst?
"Weil ich nicht sterben wollte".
Sind andere gestorben, weil du nicht sterben wolltest?
"Ich glaube...ja".
Hast du noch etwas zu sagen zu dem, was du nicht getan hast?
"Ja - dich zu fragen: Was hättest du an meiner Stelle getan?"
Das weiß ich nicht und ich kann über dich nicht richten. Nur eines weiß ich:
Morgen wird keiner von uns leben bleiben
wenn wir heute wieder nichts tun.


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Gründe

"Weil das alles nichts hilft
sie tun ja doch was sie wollen

Weil ich mir nicht nochmals
die Finger verbrennen will

Weil man nur lachen wird:
Auf dich haben sie gewartet

Und warum immer ich?
Keiner wird es mir danken

Weil da niemand mehr durchsieht
sondern höchstens noch mehr kaputtgeht

Weil jedes Schlechte
vielleicht auch sein Gutes hat

Weil es Sache des Standpunktes ist
und überhaupt wem soll man glauben?

Weil auch bei den andern nur
mit Wasser gekocht wird

Weil ich das lieber
Berufeneren überlasse

Weil man nie weiß
wie einem das schaden kann

Weil sich die Mühe lohnt
weil die alle das gar nicht wert sein"

Das sind Todesursachen
zu schreiben auf unsere Gräber
die nicht mehr begraben werden
wenn das die Ursachen sind


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Herrschaftsfreiheit

Zu sagen
"Hier
herrscht Freiheit"
ist immer
ein Irrtum
oder auch
eine Lüge:
Freiheit
herrscht nicht


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Humorlos

Die Jungen
werfen
zum Spaß
mit Steinen
nach Fröschen.

Die Frösche
sterben
im Ernst.



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Ich soll mich drein fügen
und nicht fragen
warum ich das soll
und ich soll nicht fragen
warum ich nicht fragen soll.


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Im Frieden

"Schwere Zeiten"
sagte das Blei zum Studenten

"Wie sich's trifft"
sagte das Blut zum Stein

"Ohne Sorge"
sagte die Ruhe zur Ordnung

"In Gottes Namen"
sagen die Träger zum Sarg


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Kleine Frage

Glaubst du
du bist
noch zu klein
um grosse Fragen zu stellen?

Dann kriegen
die Grossen
dich noch klein
bevor du gross genug bist


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Kleines Beispiel

Auch ungelebtes Leben
geht zu Ende
zwar vielleicht langsamer
wie eine Batterie
in einer Taschenlampe
die keiner benutzt

Aber das hilft nicht viel:
Wenn man
(sagen wir einmal)
diese Taschenlampe
nach so- und sovielen Jahren
anknipsen will
kommt kein Atemzug Licht mehr heraus
und wenn du sie aufmachst
findest du nur deine Knochen
und falls du Pech hast
auch diese
schon ganz zerfressen

Da hättest du
genau so gut
leuchten können


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Krank

Wer gegen die Gesetze dieser Gesellschaft
nie verstoßen hat und nie verstößt
und nie verstoßen will
der ist krank

Und wer sich noch immer nicht krank fühlt
an dieser Zeit
in der wir leben müssen
der ist krank

Wer sich seiner Schamteile schämt
und sie nicht liebkost
und die Scham anderer die er liebt nicht liebkost ohne Scham
der ist krank

Wer sich abschrecken lässt
durch die die ihn krankhaft nennen
und die ihn krank machen wollen
der ist krank

Wer geachtet sein will
von denen die er verachtet
wenn er den Mut dazu aufbringt
der ist krank

Wer kein Mitleid hat
mit denen die er missachten
und bekämpfen muss um gesund zu sein
der ist krank

Wer sein Mitleid dazu gebraucht
die Kranken nicht zu bekämpfen
die um ihn herum andere krank machen
der muss krank sein

Wer sich zum Papst der Moral
und zum Vorschriftenmacher
der Liebe macht
der ist so krank wie der Papst

Wer glaubt dass er Frieden haben kann
oder Freiheit
oder Liebe
oder Gerechtigkeit

ohne gegen seine eigene Krankheit
und die seiner Feinde und Freunde
und seiner Päpste und Ärzte zu kämpfen
der ist krank

Wer weiß dass er weil er gesund ist
ein besserer Mensch ist
als die kranken Menschen um ihn herum
der ist krank

Wer in unserer Welt
in der alles nach Rettung schreit
keinen einzigen Weg sieht zu retten
der ist krank


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Lautlos

Je länger ich trete
auf meiner Einsamkeit
desto dicker wird sie

ein graublauer
staubiger Teppich
den ich nicht heben kann

in dem das sitzt
was mit der Zeit meine Zeit
zerbeißt und frißt


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Lebensaufgabe

So hinter dem Unrecht herzujapsen
wie ich
kann einen mit tiefer
Befriedigung erfüllen

Wenn ich dem Unglück
nachhumple
kann ich rufen:
"Es flieht vor mir!"

Wenn es stinkt
kann ich sagen:
"Das sind nur
seine Rückzugsgefechte."

Dabei weiß ich doch ganz genau
ich hole es niemals ein
also wird es sich hoffentlich
auch nicht an mir vergreifen

Aber weil ich es wittern kann
und es ständig im Auge behalte
kann ich vielleicht auch vor ihm
immer rechtzeitig auf der Hut sein

Dazu kommt noch mein guter Ruf
als Vorkämpfer gegen das Unrecht
Der ist doch auch etwas wert
und der bleibt mir noch lange

Darum bin ich dem Unrecht
schon richtig ein wenig dankbar
Was finge ich ohne es an
mit dem Rest meines Lebens?


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Morgenstund

Ich sagte:
Abends fehlt uns manchmal
der Mut zur Wahrheit
und zum Kampf für die Welt
und für unser Leben
Aber am nächsten Morgen
wachen wir auf
und haben über Nacht
wieder Kraft gewonnen
Beim Erwachen
am nächsten Morgen
sagte ich:
Ich will sterben

(Danke an Galadriel)


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Nach dem Erwachen

Catherine erinnert sich
an etwas das sie
an etwas erinnert
doch zuerst
weder was
noch woran

Dann weiß sie
es war ein Geruch
und dann
ein Geruch der sie
an Weihnachten erinnert
aber
kein Tannen- und Kerzengeruch
und ganz gewiß
auch kein Geruch nach Backwerk

Sondern was?
Sondern Seifengeruch
Der Geruch einer Flüssigkeit
die sie und ihr Bruder
bekamen zu Weihnachten
für ganz große Seifenblasen

Nun ist die Erinnerung
wieder da
ganz groß
und ganz rund
und spiegelt ihr Kindergesicht
und schillert
und dann zerplatzt sie

(Danke an Elena)


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Neue Naturdichtung

Er weiß daß es eintönig wäre
nur immer Gedichte zu machen
über die Widersprüche dieser Gesellschaft
und daß er lieber über die Tannen am Morgen schreiben sollte
Daher fällt ihm bald ein Gedicht ein
über den nötigen Themenwechsel und über seinen Vorsatz
von den Tannen am Morgen zu schreiben

Aber sogar wenn er wirklich früh genug aufsteht
und sich hinausfahren läßt zu den Tannen am Morgen
fällt ihm dann etwas ein zu ihrem Anblick und Duft?
Oder ertappt er sich auf der Fahrt bei dem Einfall:
Wenn wir hinauskommen
sind sie vielleicht schon gefällt
und liegen astlos auf dem zerklüfteten Sandgrund
zwischen Sägemehl Spänen und abgefallenen Nadeln
weil irgendein Spekulant den Boden gekauft hat

Das wäre zwar traurig
doch der Harzgeruch wäre dann stärker
und das Morgenlicht auf den gelben gesägten Stümpfen
wäre dann heller weil keine Baumkrone mehr
der Sonne im Weg stünde.
Das wäre ein neuer Eindruck
selbsterlebt und sicher mehr als genug
für ein Gedicht
das diese Gesellschaft anklagt


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Not kennt kein Gebot

Heute haben wir leider
für Feinheiten
keine Zeit
sagte einer
den ich schon vor Jahren
als Grobian kannte


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Notwendige Fragen

Das Gewicht
der Angst
Die Länge und Breite
der Liebe
Die Farbe
der Sehnsucht
im Schatten
und in der Sonne

Wieviel Steine
geschluckt werden müssen
als Strafe
für Glück
und wie tief
man graben muß
bis der Acker
Milch gibt und Honig


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Realitätsprinzip

Die Menschen lieben
das heißt die Wirklichkeit hassen.
Wer lieben kann
der kann alles lieben
nur sie nicht

Die Wahrheit lieben?
Vielleicht.
Erkennen kann Lieben sein.
Aber nicht die Wirklichkeit:
Die Wirklichkeit ist nicht die Wahrheit

Was wäre das
für eine Welt
wenn die Wirklichkeit
diese Wirklichkeit rund um uns
auch die Wahrheit wäre?

Die Welt vor dieser
Wirklichkeit retten wollen.
Die Welt wie sie sein könnte lieben:
Die Wirklichkeit
aberkennen

(Danke an Elena)


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Sie

Sie frißt ihre Kinder
sie trinkt das Blut ihrer Toten
sie predigt den Tauben
sie kennt keine höheren Werte
Sie vergißt ihren Weg
sie wankt von Verrat zu Verrat
von Fehler zu Fehler
sie schläft in den Niederlagen
Daß sie unnötig ist
lernt jedes Kind in der Schule
daß das Volk sie nicht will
hat das Volk sich endlich gemerkt
Daß sie nicht siegen kann
ist zehnmal genau bewiesen
Die es bewiesen haben
schlafen nicht gut
Die an sie glauben
sind manchmal müde von Zweifeln
Einige die sie hassen
wissen sie kommt.


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Später Gedanke

Meiner Unermüdlichkeit
bin ich
auf einmal
so müde
daß mir einfällt
ob du ihrer nicht
schon lange
müde sein mußt.


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Status quo

Wer will
daß die Welt
so bleibt
wie sie ist
der will nicht
daß sie bleibt


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Sterbensworte Don Quixotes

Wer die furchtbaren
Windmühlenflügel
vor Augen hat
den
reißt sein Herz
und sein Kopf
und seine Lanze
mit
in den Kampf
gegen den Riesen

Doch wer die Windmühlenflügel
nach dem Gelächter
des Gelichters
noch immer im Auge
und den Riesen
noch immer
im Kopf hat
dem
geht die Lanze
ins Herz

(Danke an Nele)


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Totschlagen

Erst die Zeit
dann eine Fliege
vielleicht eine Maus
dann
möglichst viele Menschen
dann
wieder die Zeit

(Danke an Sabu)


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Trauerordnung

Es ist verboten
um Personen zu trauern
die andere Ansichten hatten
als der Trauernde selbst

Erstens weil
unser menschliches Mitgefühl
ein allzu teures Gut ist
um so vergeudet zu werden

zweitens weil Trauer
um Andersdenkende
unser Gemeinwesen
unübersichtlich gemacht hat

So dass sogar strafbare Trauer
frei ausging unter dem Vorwand
der Trauernde denke ja anders
als der Betrauerte

Weil aber keiner wirklich
genau so denkt wie ein andrer
ist es am besten
nur um sich selbst zu trauern

Diese Trauer
kann desto echter und tiefer
und mit staatlicher Hilfe
auch desto trostloser sein

Keiner muss fürchten
es werde an Anlässen fehlen
wenn die Trauer nur
einem immer kleineren Kreis gilt

Im Gegenteil:
Erst wenn keiner um andere trauert
Wird jeder Grund genug haben
Zur Trauer um sich


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Trennung

Der erste Tag war leicht
der zweite Tag war schwerer
Der dritte Tag war schwerer als der zweite

Von Tag zu Tag schwerer:
Der siebente Tag war so schwer
daß es schien er sei nicht zu ertragen

Nach diesem siebenten Tag
sehne ich mich
schon zurück


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Treue

Es heißt:
Ein gebrochenes Versprechen
ist ein gesprochenes Verbrechen.

Aber kann nicht
ein ungebrochenes Versprechen
ein ungesprochenes Verbrechen sein?


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Unaufhörlich

Dumm
sich
die Tränen
zu trocknen
bevor man
aufhört
zu weinen

Aber
man muß sie
trocknen
um zu versuchen
ob man nicht doch
aufhören kann
zu weinen

Oder
man darf
überhaupt
nicht mehr
aufhören
wollen
zu weinen

(Danke an Tigrou)


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Ungewiß

Aus dem Leben
bin ich
in die Gedichte gegangen.

Aus den Gedichten
bin ich
ins Leben gegangen.

Welcher Weg
wird am Ende
besser gewesen sein?


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Verantwortungslos

Daß dieses kluge Kind
vielleicht
ein Kind von mir kriegt?
Ich sollte
mir Sorgen machen
ich weiß
und ich mache sie mir
auch wirklich
nach Kräften

Nur werden
im Augenblick
meine besten Kräfte
leichthin verbraucht
von meiner
verantwortungslosen
ganz unvernünftigen
Freude
über das Kind

(Danke an Elena)


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Verewigung

Zum Versteinern stehen die Leute Schlange
Wer an die Reihe kommt steigt auf das Trittbrett
Er wirft sein Geldstück ein
und wählt Gesteinsart und Farbe
Er selbst betätigt den Hebel
und hört noch ein leises Zischen
Dann wälzen ihn zwei Gehilfen
in die Allee
Oder man stellt ihn zu Haus auf
im Kreis der Familie
JEDER SEIN EIGENES DENKMAL
liest man im Schlangestehen
Manche stehen so stramm
als wäre es gar nicht mehr nötig


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Vielleicht

Erinnern
das ist
vielleicht
die qualvollste Art
des Vergessens
und vielleicht
die freundlichste Art
der Linderung dieser Qual


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Vorahnung des Endsiegs

Sisyphos
staubig
und satt
vom Mehl
seines Steines
hat Angst:
Der Stein
nutzt sich ab

Die Sinnlosigkeit
der ewige
verfluchte
Sinn seiner Arbeit
selber
vom Fluch geschlagen

Kleiner
dem schwindenden Stein gleich
das Mitleid der Schatten
das ihm Kraft
zur Ohnmacht gegeben hat

Bald rollt nur
ein Kiesel
am geschundenen Steilhang
Was bleibt?
Nichts als die Qual
seine Qual
überlebt zu haben


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Was ist Leben?

Leben
das ist die Wärme
des Wassers in meinem Bad.

Leben
das ist mein Mund
an deinem offenen Schoß.

Leben
das ist der Zorn
auf das Unrecht in unseren Ländern.

Die Wärme des Wassers
genügt nicht
ich muss auch darin Plätschern.

Mein Mund an deinem Schoß
genügt nicht
auch muss ihn auch küssen.

Der Zorn auf das Unrecht
genügt nicht
Wir müssen es auch ergründen

und etwas
gegen es tun.
Das ist Leben!


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Was Ruhe bringt

Ich hab immer geglaubt
was Ruhe bringt
ist das Glück

Aber das Unglück
bringt
viel tiefere Ruhe

Ich wache
als ob ich schliefe
ohne Traum

Ich atme
als ob ich nicht wirklich
atmen müßte

Ich bin müde
als ob ich nur müde wäre
vom Schlafen


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Wo lernen wir leben?

Wo lernen wir?
Wo lernen wir leben
und wo lernen wir lernen
und wo vergessen
um nicht nur Erlerntes zu leben?

Wo lernen wir klug genug sein
die Fragen zu meiden
die unsere Liebe nicht einträchtig machen
und wo
lernen wir ehrlich genug zu sein
und unserer Liebe zuliebe
die Fragen nicht zu meiden?

Wo lernen wir
uns gegen die Wirklichkeit wehren
die uns um unsere Freiheit
betrügen will
und wo lernen wir träumen
und wach sein für unsere Träume
damit etwas von ihnen
unsere Wirklichkeit wird?


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Worte

Wenn meinen Worten die Silben ausfallen vor Müdigkeit
und auf der Schreibmaschine die dummen Fehler beginnen
wenn ich einschlafen will
und nicht mehr wachen zur täglichen Trauer
um das was geschieht in der Welt
und was ich nicht verhindern kann
beginnt da und dort ein Wort sich zu putzen und leise zu summen
und ein halber Gedanke kämmt sich und sucht einen anderen
der vielleicht eben noch an etwas gewürgt hat
was er nicht schlucken konnte
doch jetzt sich umsieht
und den halben Gedanken an der Hand nimmt und sagt zu ihm:
Komm

Und dann fliegen einige von den müden Worten
und einige Tippfehler die über sich selber lachen
mit oder ohne die halben und ganzen Gedanken
aus dem Londoner Elend über Meer und Flachland und Berge
immer wieder hinüber zur selben Stelle

Und morgens wenn du die Stufen hinuntergehst durch den Garten
und stehenbleibst und aufmerksam wirst und hinsiehst
kannst du sie sitzen sehen oder auch flattern hören
ein wenig verfroren und vielleicht noch ein wenig verloren
und immer ganz dumm vor Glück daß sie wirklich bei dir sind


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Zu guter Letzt

Als Kind wußte ich:
Jeder Schmetterling
den ich rette
jede Schnecke
und jede Spinne
und jede Mücke
jeder Ohrwurm
und jeder Regenwurm
wird kommen und weinen
wenn ich begraben werde

Einmal von mir gerettet
muß keines mehr sterben
Alle werden sie kommen
zu meinem Begräbnis

Als ich dann groß wurde
erkannte ich:
Das ist Unsinn
Keines wird kommen
ich überlebe sie alle

Jetzt im Alter
frage ich: Wenn ich sie aber
rette bis ganz zuletzt
kommen doch vielleicht zwei oder drei?


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Zurückblickend

Die besseren Aussichten
eröffnen sich dadurch daß wir
die sonst keine haben
das offen zu sagen beginnen
Die Zukunft liegt nicht darin
daß man an sie glaubt
oder nicht an sie glaubt
sondern darin
daß man sie vorbereitet
Die Vorbereitungen
bestehen nicht darin daß man
nicht mehr zurückblickt
sondern darin
daß man sich zugibt
was man sieht beim Zurückblicken
und mit diesem Bild vor Augen
auch etwas anderes tut
als zurückblicken


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Zwischengedanken

Weil es
menschliche Beziehungen
gab
musste es
Menschen geben

Nun gibt es
zwischenmenschliche
Beziehungen
Die lassen
auf das Dasein von Zwischenmenschen schließen

Es muss aber auch
Zwischenunmenschen geben
die dafür sorgen
dass die zwischenmenschlichen Beziehungen
so unmenschlich sind





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