Gedichte
Krieg
Hiroshima
Der den Tod auf Hiroshima warf
Ging ins Kloster, läutet dort die Glocken.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Sprang vom Stuhl in die Schlinge, erwürgte sich.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Fiel in Wahnsinn, wehrt Gespenster ab
Hunderttausend, die ihn angehen nächtlich
Auferstandene aus Staub für ihn.
Nichts von alledem ist wahr.
Erst vor kurzem sah ich ihn
Im Garten seines Hauses vor der Stadt.
Die Hecken waren noch jung und die Rosenbüsche zierlich.
Das wächst nicht so schnell, daß sich einer verbergenkönnte
Im Wald des Vergessens. Gut zu sehen war
Das nackte Vorstadthaus, die junge Frau
Die neben ihm stand im Blumenkleid
Das kleine Mädchen an ihrer Hand
Der Knabe der auf seinem Rücken saß
Und über seinem Kopf die Peitsche schwang.
Sehr gut erkennbar war er selbst
Vierbeinig auf dem Grasplatz, das Gesicht
Verzerrt von Lachen, weil der Photograph
Hinter der Hecke stand, das Auge der Welt.
(Marie Luise Kaschnitz)
(Danke an Matthias)
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Mit meinem Auftrag in der nun,
meine liebe alte Stadt,
meine lieben alten Leute,
verlasse ich und gebe jetzt alles auf,
um dieses Land zu schützen.
Um unsere ewige und einfache Sache zu bewahren,
gehe ich jetzt weiter.
Mein Körper wird stürzen wie eine fallende Kirschblüte,
aber meine Seele wird Leben und dieses Land für immer schützen.
Abschied.
Ich bin eine prachtvolle wilde Kirschblüte.
Ich kehre zum Platz meiner Mutter zurück und erblühe.
(Japanischer Kamikaze Pilot im 2. Weltkrieg, der in der Hoffnung für eine verlorene Sache sein Leben gab)
(Danke an *profiler)
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In Gottes Namen
Wo sind die Kräfte, die Kriege verhindern?
Wer kann die Leiden der Menschen vermindern?
Wo ist der Schalter, der alles zerstört,
Was in die friedliche Welt nicht gehört?
Wieso bringen Bomben den Menschen Verderben?
Weshalb müssen Kinder im Feuersturm sterben?
Warum nur hat Gott seinen Namen geborgt
Und nicht für ein Ende des Tötens gesorgt?
Warum nur kann Gott diesen Krieg nicht beenden?
Kann seine Macht nicht zum Frieden verwenden?
Könnte es sein, dass mein Gott resigniert,
Weil jetzt ein Andrer die Erde regiert?
(Gerhard P. Steil)
(Danke an Gerhard P. Steil)
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Tausend graue Stahlgiganten
Ein Mensch, der seine Heimatstadt
recht nah am Frankfurt Airport hat,
erkennt, wenn er zum Himmel sieht,
was derzeit in der Welt geschieht.
Tausend graue Stahlgiganten,
die Freunde ihm aus Texas sandten,
schwirren in der Luft umher,
als wenn es selbstverständlich wär.
Dabei wurde ihm erzählt,
als er seinerzeit gewählt,
dieser Krieg kommt nicht zu Stande,
zumindest nicht - in seinem Lande.
Und der Mensch betrachtet stumm
graue Flieger rund herum,
die mit Bomben und Gewehren
fremde Völker fürchten lehren.
Und er hat es nie verstanden,
warum tausend Flieger landen
auf dem Airport in dem Land,
das den Krieg nicht rechtens fand.
(Gerhard P. Steil)
(Danke an Gerhard P. Steil)
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Kriegslied
’s ist Krieg! ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre
Und rede du darein!
’s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!
Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blass
Die Geister der Erschlagenen zu mir kämen
Und vor mir weinten, was?
Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halbtot
Im Staub sich vor mir wälzten und mir fluchten
In ihrer Todesnot?
Wenn tausend, tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagen über mich?
Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammelten, und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich herab!
Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
’s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!
(Matthias Claudius)
(Danke an Ralf Klöhn)
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Alleine,
alles scheint ohne Zweck.
Zu sein ohne Bestimmung,
verloren.
Langsam beginnt das Ende,
das so voller Angst erwartet wird.
Niemand wird verschont.
Zerstörung, Tod.
Was soll man tun.
Alleine,
gegen Krieg.
(Ariane)
(Danke an Ariane)
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Zu kurz
Ein Mann lebt,
ganz kurz.
Eine Frau schreit,
ganz kurz.
Der Blitz schlägt,
Donner grollt.
Der Blitz schlägt,
ganz kurz.
Und wieder vergeht kein Tag, kein Monat, kein Jahr ganz kurz.
Es war Frieden,
ganz kurz.
(MariuStaind)
(Danke an MariuStaind)
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Lesebuchgeschichten
Es waren mal zwei Menschen.
Als sie zwei Jahre alt waren, da schlugen sie sich mit den Händen.
Als sie zwölf waren, schlugen sie sich mit Stöcken und warfen mit Steinen.
Als sie zweiundzwanzig waren, schossen sie mit Gewehren nach einander.
Als sie zweiundvierzig waren, warfen sie mit Bomben.
Als sie zweiundsechzig waren, nahmen sie Bakterien.
Als sie zweiundachtzig waren, da starben sie.
Sie wurden nebeneinander begraben.
Als sich nach hundert Jahren ein Regenwurm durch ihre beiden Gräber fraß,
merkte er gar nicht, dass hier zwei verschiedene Menschen begraben waren.
Es war dieselbe Erde.
Alles dieselbe Erde.
(Wolfgang Borchert)
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Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?
Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!
Dort stehn die Prokuristen stolz und kühn
in den Bureaus, als wären es Kasernen.
Dort wachsen unterm Schlips Gefreitenknöpfe.
Und unsichtbare Helme trägt man dort.
Gesichter hat man dort, doch keine Köpfe.
Und wer zu Bett geht, pflanzt sich auch schon fort!
Wenn dort ein Vorgesetzter etwas will
- und es ist sein Beruf etwas zu wollen -
steht der Verstand erst stramm und zweitens still.
Die Augen rechts! Und mit dem Rückgrat rollen!
Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen
und mit gezognem Scheitel auf die Welt.
Dort wird man nicht als Zivilist geboren.
Dort wird befördert, wer die Schnauze hält.
Kennst du das Land? Es könnte glücklich sein.
Es könnte glücklich sein und glücklich machen!
Dort gibt es Äcker, Kohle, Stahl und Stein
und Fleiß und Kraft und andre schöne Sachen.
Selbst Geist und Güte gibt’s dort dann und wann!
Und wahres Heldentum. Doch nicht bei vielen.
Dort steckt ein Kind in jedem zweiten Mann.
Das will mit Bleisoldaten spielen.
Dort reift die Freiheit nicht. Dort bleibt sie grün.
Was man auch baut - es werden stets Kasernen.
Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!
(Erich Kästner)
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Das Trauerspiel von Afghanistan
Der Schnee leis' stäubend vom Himmel fällt,
ein Reiter vor Jalalabad hält.
Wer da?!
Ein britischer Reitersmann,
bringe Botschaft aus Afghanistan.
Afghanistan, er sprach es so matt.
Es umdrängte den Reiter die halbe Stadt.
Sir Robert Sale, der Kommandant
hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.
Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
sie setzen ihn nieder an den Kamin.
Wie wärmt ihn das Feuer,
wie labt ihn das Licht.
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:
Wir waren dreizehntausend Mann,
von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind
erstarrt, erschlagen, verraten sind.
Zersprengt ist unser ganzes Heer,
was lebt, irrt draußen in Nacht umher.
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.
Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all.
Sir Robert sprach: Der Schnee fällt dicht
die uns suchen, sie können uns finden nicht.
Sie irren wie Blinde und sind uns so nah.
So lasst sie's hören, dass wir sind da.
Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus.
Trompeter blast in die Nacht hinaus!
Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
laut, wie nur die Liebe rufen mag.
Sie bliesen. Es kam die zweite Nacht.
Umsonst, dass ihr ruft und wacht.
Die hören sollen, die hören nicht mehr,
vernichtet ist das ganze Heer.
Mit dreizehntausend der Zug begann -
Einer kam heim aus Afghanistan.
(Theodor Fontane)
(Danke an Christian Engbrocks)
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