Gedichte von Eugen Roth





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80. Geburtstag
Abdankung
Allzu eifrig
Ahnungslos
Antiskepsis   neu
Arbeiter der Stirn
Ausgerechnet...
Ausgleich   neu
Ausnahme
Ausweg
Autos überall
Beim Einschlafen
Bescheidenheit
Besorgung
Billiger Rat
Bücher
Das beste Alter   neu
Das Böse
Das Ferngespräch
Das Kursbuch
Das Schlimmste
Das Schnitzel
Das Sprungbrett
Denker
Der Baum
Der Kenner
Der Kreisel
Der Leser, traurig aber wahr...
Der Lichtblick
Der Mahner
Der Maßlose
Der Ofen
Der Pi-Freund
Der Rechthaber
Der Rezensent
Der starke Kaffee
Der Termin
Der Unentschlossene
Der Unschlüssige
Die Besprechung
Die guten Bekannten
Die guten Vierziger
Die Meister
Die Torte
Die Zugverspätung
Durch die Blume
Durchfall   neu
Einbildung
Einem Berühmten   neu
Einfache Sache
Ein Gleichnis   neu
Einladungen
Ein Mensch von bangen Zweifeln voll...
Ein Mensch von gründlicher Natur...
Ein Mensch - was noch ganz ungefährlich...
Einsicht
Entomologisches
Entscheidungen
Entwicklung
Erfolgloser Liebhaber
Erste Hilfe
Fahrtberichte
Falscher Verdacht
Fingerspitzengefühl   neu
Fragen
Freiheit
Für Architekten
Für Fortschrittler
Für Moralisten
Gegen Aufregung
Gemütsleiden   neu
Gezeiten der Liebe
Gleichgewicht
Glück
Grenzfall
Gründliche Einsicht
Hausmittel
Herstellt Euch!
Hilflosigkeiten
Holde Täuschung   neu
Immer falsch
Immer höflich
Je nachdem
JugendJugend   neu
Kassenhass
Klare Entscheidung   neu
Kleine Ursachen
Kleinigkeiten
Klugheit
Kontaktlos
Kunst
Lebensangst
Lebensleiter
Lebenslügen
Leib und Seele
Leider
Lob der Heilkunst   neu
Manager
Man wird bescheiden
Metaphysisches
Mitleid
Mitmenschen
Momento Mori
Morgenglück
Musikalisches
Nachdenkliche Geschichte
Nächtliches Erlebnis
Nordsee
Optische Täuschung
Phantastereien
Probleme
Prüfungen
Relativität
Saubere Brüder
Schütteln
Seelische Gesundheit
Seltsam genug
So und so
Sprichwörtliches
Steinleiden   neu
Streuungsmaße
Strohwitwer
Trauriger Fall
Trauriger Fall II
Trost
Überraschungen
Undank
Unerwünschte Belehrung
Ungleicher Kampf
Variationen
Verdienter Hereinfall
Vergebliche Einsicht
Vergebliche Mühe   neu
Versagen der Heilkunst
Versäumte Gelegenheiten
Versicherung
Vieldeutung
Volle Züge
Voreilige Grobheit
Vorsicht!
Weltlauf
Wandlung
Warnung
Warte
Wichtiger
Zur Warnung
Zu spät
Zweierlei
Zweifel




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80. Geburtstag

Ein Mensch, nur 80 Jahre jung,
Ist geistig noch ganz gut in Schwung.
Er ist recht munter und ganz wendig,
auch seine Seele ist lebendig.
Und fragt man ihn, wie er das macht,
so sagt er "ich hab nachgedacht.
Es geht mal vor und mal zurück,
oft auch vorbei am großen Glück.
Jedoch das kleine kommt entgegen
Dir hundertfach auf manchen Wegen.
Du brauchst Geduld und viel Geschick
im Umgang mit dem Lebensglück.
Wenn Du bedenkst auf dieser Welt:
am besten ist´s mit uns bestellt,
wo wir ein klares Bild uns machen,
vom Leben, Lieben, Weinen, Lachen.
Mit Einsicht, Zuversicht, Vertrauen:
Nicht rückwärts sondern vorwärts schauen!"

(Danke an nesselhauf)


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Abdankung

Ein Mensch, als junger Feuergeist,
der Lügen warmes Kleid zerreißt
Und geht - welch herrlicher Charakter! -
Kühn durch die Welt nun als ein Nackter.
Der Mensch wird alt, die Welt wird kalt:
Die Zeit zeigt ihre Allgewalt.
Der Mensch hälts, frierend, nicht mehr aus -
Froh wär er um den alten Flaus.
Doch hat er den nicht nur zerrissen,
Nein, auch die Fetzen weggeschmissen.
Mit Müh erwirbt er, so im Zwange,
Sich Weltanschauung von der Stange
Und geht nun, bis zu seinem Tode,
Gleich all den andren, nach der Mode.


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Ahnungslos

Ein Mensch hört staunend und empört,
Dass er, als Unmensch, alle stört:
Er nämlich bildet selbst sich ein,
Der angenehmste Mensch zu sein.
Ein Beispiel macht Euch solches klar:
Der Schnarcher selbst schläft wunderbar.


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Allzu eifrig

Ein Mensch sagt - und ist stolz darauf -
Er geht in seinen Pflichten auf.
Bald aber, nicht mehr ganz so munter,
Geht er in seinen Pflichten unter.


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Antiskepsis

Wenn man den Zweifel nicht kuriert,
gar leicht daraus Verzweiflung wird.

(Danke an Karl)


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Arbeiter der Stirn

Ein Mensch sitzt kummervoll und stier
Vor einem weißen Blatt Papier.
Jedoch vergeblich ist das Sitzen -
Auch wiederholtes Bleistiftspitzen
Schärft statt des Geistes nur den Stift.
Selbst der Zigarre bittres Gift,
Kaffee gar, kannenvoll geschlürft,
Den Geist nicht aus den Tiefen schürft,
Darinnen er, gemein verbockt,
Höchst unzugänglich einsam hockt.
Dem Menschen kann es nicht gelingen,
Ihn auf das leere Blatt zu bringen.
Der Mensch erkennt, dass es nichts nützt,
Wenn er den Geist an sich besitzt,
Weil Geist uns ja erst Freude macht,
Sobald er zu Papier gebracht.


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Ausgerechnet...

Ein Mensch, von kleinauf, wird belehrt,
Daß sich sein Leben selbst erschwert,
Wer, statt daß er am Schopf sie faßt,
Stets die Gelegenheit verpaßt.
Nun endlich, voll Verwegenheit,
Ergreift er die Gelegenheit.
Erst viel zu spät wird es ihm klar,
Daß diesmal just es keine war.


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Ausgleich

So mancher hat sich wohl die Welt
Bedeutend besser vorgestellt -
Getrost! Gewiß hat sich auch oft
Die Welt viel mehr von ihm erhofft!

(Danke an Karl)


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Ausnahme

Ein Mensch fällt jäh in eine Grube,
die ihm gegraben so ein Bube,
Wie? denkt der Mensch, das kann nicht sein:
Wer Gruben gräbt, fällt selbst hinein! -
Das mag vielleicht als Regel gelten:
Ausnahmen sind aber nicht selten.


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Ausweg

Wer krank ist, wird zur Not sich fassen.
Gilt's, dies und das zu unterlassen.
Doch meistens zeigt er sich immun,
Heißt es, dagegen was zu tun.
Er wählt den Weg meist, den bequemen,
Was ein- statt was zu unternehmen!


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Autos überall

Du schimpfst mit Recht auf diese Welt,
Dass sie mit Autos ganz verstellt.
Der schönste Blick ist für die Katz -
Zum Parkplatz werden Park und Platz.
Bis zu den letzten Straßenkanten
Stehn Omnibusse=Elefanten,
Vorm Rathaus, um den Brunnen, frech
Drängt sich das buntlackierte Blech.
Und was tust Du? Trotz dem Gestöhne,
Dass also sterben muss das Schöne,
Zwängst Du, bezahlend ein paar Nickel,
Auch in die Herde Dein Vehikel!


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Beim Einschlafen

Ein Mensch möcht sich im Bette strecken,
Doch hindern die zu kurzen Decken.
Es friert zuerst ihn an den Füßen,
Abhilfe muss die Schulter büßen.
Er rollt nach rechts und meint, nun gings,
Doch kommt die Kälte prompt von links.
Er rollt nach links herum, jedoch
Entsteht dadurch von rechts ein Loch.
Indem der Mensch nun dies bedenkt,
Hat Schlaf sich mild auf ihn gesenkt
Und schlummernd ist es ihm geglückt:
Er hat sich warm zurechtgerückt.

Natur vollbringt oft wunderbar,
was eigentlich nicht möglich war.


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Bescheidenheit

Ein Mensch möcht erste Geige spielen -
jedoch das ist der Wunsch von vielen,
so daß sie gar nicht jedermann,
selbst wenn er's könnte, spielen kann:
Auch Bratsche ist für den, der's kennt,
ein wunderschönes Instrument.


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Besorgung

Ein Mensch geht eines Vormittages,
Gewärtig keines Schicksalsschlages,
Geschäftig durch die große Stadt,
Wo viel er zu besorgen hat.

Doch schon trifft ihn der erste Streich:
Ein Türschild tröstet: "Komme gleich!"
Gleich ist ein sehr verschwommnes Wort,
Der Mensch geht deshalb wieder fort,

Zum zweiten Ziele zu gelangen:
"Vor fünf Minuten weggegangen..."
Beim dritten hat er auch kein Glück:
"Kommt in acht Tagen erst zurück!"

Beim vierten heißt´s nach langem Lauern:
"Der Herr Direktor läßt bedauern..."
Ein überfülltes Wartezimmer
Beim fünften raubt den Hoffnungsschimmer.

Beim sechsten stellt es sich heraus:
Er ließ ein Dokument zu Haus.
Nun kommt der siebte an die Reih:
"Geschlossen zwischen zwölf und zwei!"

Der Mensch, von Wut erfüllt zum Bersten,
Beginnt nun noch einmal beim ersten.
Da werden Ihm die Knie weich:
Dort steht noch immer: "Komme gleich!"

(Danke an Wolfgang Neuber)


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Billiger Rat

Ein Mensch nimmt alles viel zu schwer.
Ein Unmensch naht mit weiser Lehr
Und rät dem Menschen: "Nimms doch leichter!"
Doch grad das Gegenteil erreicht er:
Der Mensch ist obendrein verstimmt,
Wie leicht man seine Sorgen nimmt.


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Bücher

Ein Mensch, von Büchern hart gedrängt,
An die er lang sein Herz gehängt,
Beschließt voll Tatkraft, sich zu wehren,
Eh sie kaninchenhaft sich mehren.
Sogleich, aufs äußerste ergrimmt,
Er ganze Reihn von Schmökern nimmt
Und wirft sie wüst auf einen Haufen,
Sie unbarmherzig zu verkaufen.
Der Haufen liegt, so wie er lag,
Am ersten, zweiten, dritten Tag.
Der Mensch beäugt ihn ungerührt
Und ist dann plötzlich doch verführt,
Noch einmal hinzusehn genauer –
Sieh da, der schöne Schopenhauer...
Und schlägt ihn auf und liest und liest,
Und merkt nicht, wie die Zeit verfließt...
Beschämt hat er nach Mitternacht
Ihn auf den alten Platz gebracht.
Dorthin stell er auch eigenhändig
Den Herder, achtundzwanzigbändig.
E.T.A. Hoffmanns Neu-Entdeckung
Schützt diesen auch vor Zwangs-Vollstreckung.
Kurzum, ein Schmöker nach dem andern
Darf wieder auf die Bretter wandern.
Der Mensch, der so mit halben Taten
Beinah schon hätt den Geister verraten,
Ist nun getröstet und erheitert,
Dass die Entrümpelung gescheitert.


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Das beste Alter

Das beste Alter für den Mann:
Wo er schon weiß, wo er noch kann!

(Danke an Karl)


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Das Böse

Ein Mensch pflückt, denn man merkt es kaum,
ein Blütenreis von einem Baum.
Ein andrer Mensch, nach altem Brauch,
denkt sich, was der tut, tu ich auch.
Ein dritter, weil´s schon gleich ist, fasst
jetzt ohne Scham den vollen Ast,
und sieh, nun folgt ein Heer von Sündern,
den armen Baum ganz leer zu plündern.
Von den Verbrechern war der erste,
wie wenig er auch tat, der schwerste.
Er nämlich übersprang die Hürde
der unantastbar reinen Würde.


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Das Ferngespräch

Ein Mensch spricht fern, geraume Zeit,
mit ausgesuchter Höflichkeit,
legt endlich dann, mit vielen süßen
Empfehlungen und besten Grüßen
den Hörer wieder auf die Gabel -
doch tut er nochmal auf den Schnabel
(nach all dem freundlichen Gestammel),
um dumpf zu murmeln: Blöder Hammel!
Der drüben öffnet auch den Mund
zu der Bemerkung: Falscher Hund!
So einfach wird oft auf der Welt
die Wahrheit wieder hergestellt.


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Das Kursbuch

Ein Mensch ist der Bewundrung voll:
Nein, so ein Kursbuch - einfach toll!
Mit wieviel Hirn ist das gemacht:
An jeden Anschluss ist gedacht:
Es ist der reinste Zauberschlüssel -
Ob München-Kassel, Bremen-Brüssel,
Ob Bahn, ob Omnibus, ob Schiff -
Man findets leicht - auf einen Griff!
Dabei sind auch noch Güterzüge
In das verwirrende Gefüge
Des Fahrplans ständig eingeschoben!
Die Bahn kann nicht genug man loben!
Der Mensch, in eitlem Selbstbespiegeln,
Rühmt sich, dies Buch mit sieben Siegeln
Zu lesen leicht, von vorn bis hinten,
Trotz seiner vielbesprochnen Finten.
Schon fährt der Mensch nach Osnabrück
Und möcht am Abend noch zurück:
Und sieht, gedachten Zug betreffend,
Erst jetzt ein kleines f, ihn äffend;
Und ganz versteckt steht irgendwo:
» f ) Zug fährt täglich außer Mo.«
Der Mensch, der so die Bahn gelobt,
Sitzt jetzt im Wartesaal und tobt,
Und was er übers Kursbuch sagt,
Wird hier zu schreiben nicht gewagt.

(Danke an Jenni Werner)


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Das Schlimmste

Ein Mensch erkennt: Sein ärgster Feind:
Ein Unmensch, wenn er menschlich scheint!


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Das Schnitzel

Ein Mensch, der sich ein Schnitzel briet,
Bemerkte, daß ihm das mißriet.
Jedoch, da er es selbst gebraten,
Tut er, als wär es ihm geraten,
Und, um sich nicht zu strafen Lügen,
Ißt er's mit herzlichem Vergnügen.


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Das Sprungbrett

Ein Mensch, den es nach Ruhm gelüstet,
Besteigt, mit großem Mut gerüstet,
Ein Sprungbrett - und man denkt, er liefe
Nun vor und spränge in die Tiefe,
Mit Doppelsalto und dergleichen
Der Menge Beifall zu erreichen.
Doch läßt er, angestaunt von vielen,
Zuerst einmal die Muskeln spielen,
Um dann erhaben vorzutreten,
Als gält's, die Sonne anzubeten.
Ergriffen schweigt das Publikum -
Doch er dreht sich gelassen um
Und steigt, fast möcht man sagen, heiter
Und vollbefriedigt von der Leiter.
Denn, wenn auch scheinbar nur entschlossen,
Hat er doch sehr viel Ruhm genossen,
Genau genommen schon den meisten -
Was sollt er da erst noch was leisten?


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Denker

Ein Mensch ist sonst ein Denk-Genie.
Nur eins: an andre denkt er nie!


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Der Baum

Zu fällen einen schönen Baum,
braucht’s eine Viertelstunde kaum.
Zu wachsen, bis man ihn bewundert,
braucht er, bedenkt es, ein Jahrhundert.


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Der Kenner

Ein Mensch sitzt stolz, programmbewehrt,
In einem besseren Konzert,
Fühlt sich als Kenner überlegen -
Die anderen sind nichts dagegen.
Musik in den Gehörgang rinnt,
Der Mensch lauscht kühn verklärt und sinnt.
Kaum daß den ersten Satz sie enden,
Rauscht er schon rasend mit den Händen
Und spricht vernehmliche und kluge
Gedanken über eine Fuge
Und seufzt dann, vor Begeisterung schwach:
''Nein, wirklich himmlisch, dieser Bach!''
Sein Nachbar aber grinst abscheulich:
''Sie haben das Programm von neulich!''
Und sieh, woran er gar nicht dachte:
Man spielt heut abend Bruckners Achte.
Und jäh, wie Simson seine Kraft,
Verliert der Mensch die Kennerschaft.


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Der Kreisel

Ein Mensch hat einen Kreisel, rund,
Bemalt in sieben Farben, bunt.
Er peitscht ihn an, der Kreisel schwirrt,
Bis schneller er und grauer wird...
Soll unser Leben bunter bleiben,
Darf mans nicht allzu munter treiben.


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Der Leser, traurig aber wahr,
ist häufig unberechenbar:
Hat er nicht Lust, hat er nicht Zeit,
dann gähnt er: "Alles viel zu breit!"
Doch wenn er selber etwas sucht,
was ich aus Raumnot nicht verbucht,
wirft er voll Stolz sich in die Brust,
"Aha, das hat er nicht gewußt!"
Man weiß, die Hoffnung wär zum Lachen,
es allen Leuten recht zu machen.

(Danke an Thomas Ley)


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Der Lichtblick

Ein Mensch erblickt das Licht der Welt -
Doch oft hat sich herausgestellt
Nach manchem trüb verbrachten Jahr
Daß dies der einzige Lichtblick war.


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Der Mahner

Ein Mensch, der lange schon, bevor
Das Unheil kam, die Welt beschwor,
Blieb leider völlig ungehöhrt...
Jetzt kommts! Und jeder schreit empört:
Schlag doch zuerst den Burschen tot –
Er hat schon lang damit gedroht!

(Danke an Kletzi)


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Der Maßlose

Ein Mensch, der manches liebes Jahr
Zufrieden mit dem Dasein war,
Kriegt eines Tages einen Koller
Und möchte alles wirkungsvoller.
Auf einmal ist kein Mann ihm klug,
Ist keine Frau ihm schön genug.
Die Träume sollten kühner sein,
Die Bäume sollten grüner sein,
Schal dünkt ihn jede Liebeswonne,
Fahl scheint ihm schließlich selbst die Sonne.
Jedoch die Welt sich ihm verweigert,
Je mehr er seine Wünsche steigert.
Er gibt nicht nach und er rumort,
Bis er die Daseinsschicht durchbohrt.
Da ist es endlich ihm geglückt -
Doch seitdem ist der Mensch verrückt.


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Der Ofen

Ein Mensch, der einen Ofen hat,
Zerknüllt ein altes Zeitungsblatt,
Steckt es hinein und schichtet stolz
Und kunstgerecht darauf das Holz
Und glaubt, indem er das entzündet,
Die Hoffnung sei nicht unbegründet,
Dass nun mit prasselndem Gelärme
Das Holz verbrenne und ihn wärme.
Er denkt mit Kohlen nicht zu geizen,
Kurzum, sich gründlich einzuheizen.
Jedoch, aus seines Ofens Bauch
Quillt nichts als beizend kalter Rauch.
Der Mensch, von Wesensart geduldig,
Hält sich allein für daran schuldig
Und macht es nun noch kunstgerechter.
Der Ofen zieht nur um so schlechter,
Speit Rauch und Funken wild wie Fafner.
Nun holt der Mensch sich einen Hafner.
Der Hafner redet lang und klug
Von Politik und falschem Zug,
Vom Wetter und vom rechten Roste
Und sagt, dass es fünf Reichsmark koste.
Der Mensch ist nun ganz überzeugt,
Dem Ofen, fachgemäß beäugt
Und durchaus einwandfrei befunden,
Sei jetzt die Bosheit unterbunden.
Um zu verstehn des Menschen Zorn,
Lies dies Gedicht noch mal von vorn.


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Der Pi-Freund

Ein Mensch, der gerne Zahlen lernt,
trifft einen, der von Pi sehr schwärmt,
und hört von ihm, wie rein und klar,
wie schön, phantastisch, wunderbar,
wie herrlich dieses Pi doch sei -
und schon sind der Verehrer zwei.
Die wollen gleich - aus diesen Gründen -
den Menschen die Zahl Pi verkünden.
So gehn sie in die Welt hinaus
und - krieg'n erstaunlich viel Applaus,
sodass - was anfangs kaum wer weiß -
zieht einen immer größer'n Kreis.
Doch bald schon wird die Zahl zum Wahn
und steckt die ganze Menschheit an.
Ein jeder lernt und rezitiert,
vom König bis zum Schankenwirt.
Der Geist von Pi - in seiner Hast -
hat flugs die ganze Welt erfasst.
Den Grund dafür errät ihr nie;
Er heißt: Virus abstrusum pi.


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Der Rechthaber

Ein Mensch mit Fahrschein zweiter Klasse
kriegt dort nicht Platz; jedoch in Masse, -
was vorkommt bei der Eisenbahn -
gibts Platz in dritter, nebenan.
Der Mensch jedoch, viel lieber steht er
so drei-, vierhundert Kilometer
im Gang der zweiten, statt auf Plätzen
der dritten Klasse sich zu setzen -
weil er, und darauf besteht er glatt,
auf zweite Klasse Anspruch hat.


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Der Rezensent

Ein Mensch hat Bücher wo besprochen
Und liest sie nun im Lauf der Wochen.
Er freut sich wie ein kleines Kind,
Wenn sie ein bißchen auch so sind.


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Der starke Kaffee

Ein Mensch, der viel Kaffee getrunken,
Ist nachts in keinen Schlaf gesunken.
Nun muss er zwischen Tod und Leben
Hoch überm Schlummerabgrund schweben
Und sich mit flatterflinken Nerven
Von einer Angst zur andern werfen
Und wie ein Affe auf dem schwanken
Gezweige turnen der Gedanken,
Muss über die geheimsten Wurzeln
Des vielverschlung´nen Daseins purzeln
Und hat verlaufen sich alsbald
Im höllischen Gehirn-Urwald.
In einer Schlucht von tausend Dämpfen
Muss er mit Spukgestalten kämpfen,
Muss, von Gespenstern blöd geäfft,
An Weiher, Schule, Krieg, Geschäft
In tollster Überblendung denken
Und dann sich nicht ins Nichts versenken.
Der Mensch in selber Nacht beschließt,
Dass er Kaffee nie mehr genießt.
Doch ist vergessen alles Weh
Am andern Morgen - beim Kaffee.


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Der Termin

Ein Mensch, der sich, weils weit noch hin,
Festlegen ließ auf den Termin,
Sieht jetzt, indes die Wochen schmelzen,
Die schwere Last sich näher wälzen,
Er sucht nach Gründen, abzusagen,
Er träumt, noch in den letzten Tagen,
Wie einst als Schulbub, zu entwischen:
Ein schwerer Unfall käm dazwischen ...
Umsonst - es bleibt ein leerer Wahn:
Der schicksalsvolle Tag bricht an! -
Und geht dann doch vorüber, gnädig.
Der Mensch ist froh, der Sorgen ledig,
Er schwört er hab daraus gelernt -
Doch wie sich Tag um Tag entfernt,
Hat Angst und Qualen er vergessen -
Und lässt sich unversehens pressen
Zu noch viel scheusslicherm Termin -
Denn es ist weit und weit noch hin.


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Der Unentschlossene

Ein Mensch ist ernstlich zu beklagen,
Der nie die Kraft hat, nein zu sagen,
Obwohl er´s weiß, bei sich ganz still:
Er will nicht, was man von ihm will!
Nur, dass er Aufschub noch erreicht,
Sagt er, er wolle sehn, vielleicht ...
Gemahnt wird nach zweifelsbitteren Wochen,
Dass er´s doch halb und halb versprochen,
Verspricht er´s, statt es abzuschütteln,
Aus lauter Feigheit zu zwei Dritteln,
Um endlich, ausweglos gestellt,
Als ein zur Unzeit tapfrer Held
In Wut und Grobheit sich zu steigern
Und das Versprochne zu verweigern.
Der Mensch gilt bald bei jedermann
Als hinterlistiger Grobian -
Und ist im Grund doch nur zu weich,
Um nein zu sagen - aber gleich!


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Der Unschlüssige

Ein Mensch, zum Bahnhof dauerlaufend,
mit Seitenstechen, mühsam schnaufend,
sieht auf die Uhr, es wird zu knapp-
und augenblicklich macht er schlapp
enthoben seiner höhern Zwecke,
schleicht er jetzt lahm wie eine Schnecke;
nimmt immerhin sich eine Karte,
dass er der nächsten Zug erwarte.
Und sieht-und meint nicht recht zu sehn-
den Zug noch auf dem Bahnsteig stehn.
Mit seinen letzten Lebensgeistern
hofft er nun, doch es noch zu meistern;
setzt an zum Endspurt im Galoppe;
voll Angst, dass doch das Glück ihn foppe,
lässt jäh er sinken Mut und Kraft.
Bis er sich wieder aufgerafft,
vergehn Sekunden, tödlich tropfend.
Der Mensch, mit wildem Pulsen klopfend,
fragt sich im Laufen, ob er träumt:
der Zug, den er, an sich versäumt,
Steht noch - gesetzt den Fall, er sei`s!-
ganz ungerührt auf seinem Gleis.
Doch eh der Mensch sich noch im klaren,
beginnt der Zug jetzt abzufahren.
Der Mensch kann noch die Tafel lesen:
jawohl, es wär sein Zug gewesen.

(Danke an Rainer Splitt)


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Die Besprechung

Der Sinn einer Besprechung ist,
dass alles durcheinander spricht.
Man kann somit gleich viele Themen
zur selben Zeit in Angriff nehmen.
Indem man Reden zeitlich streckt,
dadurch das Chaos wird perfekt.
Nur vom Protokoll der Schreiber,
hat dadurch Schwierigkeiten - leider.


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Die guten Bekannten

Ein Mensch begegnet einem zweiten.
Sie wechseln Förm- und Herzlichkeiten,
Sie zeigen Wiedersehensglück
Und gehn zusammen gar ein Stück.
Und während sie die Stadt durchwandern
Sucht einer heimlich von dem andern
Mit ungeheurer Hinterlist
Herauszubringen, wer er ist.
Das sie sich kennen, das steht fest,
Doch äußerst dunkel bleibt der Rest.
Das Wo und Wann, das Wie und Wer,
Das wissen alle zwei nicht mehr.
Doch sind sie, als sie nun sich trennen,
Zu feig, die Wahrheit zu bekennen.
Sie freun sich, dass sie sich getroffen;
Jedoch im Herzen beide hoffen,
Indes sie ihren Abschied segnen,
Einander nie mehr zu begegnen.


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Die guten Vierziger

Das Leben, meint ein holder Wahn,
geht erst mit vierzig Jahren an.
Wir lassen uns auch leicht betören,
von Meinungen, die wir gern hören,
und halten, längst schon vierzigjährig,
meist unsre Kräfte noch für bärig.
Was haben wir, gestehn wir's offen,
von diesem Leben noch zu hoffen?
Ein Weilchen sind wir noch geschäftig
und vorderhand auch steuerkräftig,
doch spüren wir, wie nach und nach
gemächlich kommt das Ungemach,
und wie Hormone und Arterien
schön langsam gehen in die Ferien.
Man nennt uns rüstig, nennt uns wacker
und denkt dabei: "Der alte Knacker!"
Wir stehn auf unsres Lebens Höhn,
doch ist die Aussicht gar nicht schön -
ganz abgesehen, daß auch zum Schluß
wer droben, wieder runter muß.
Wer es genau nimmt, kommt darauf:
Mit vierzig hört das Leben auf.


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Die Meister

Ein Mensch sitzt da, ein schläfrig trüber,
ein and`rer döst ihm gegenüber.
Sie reden nichts, sie stieren stumm.
Mein Gott, denkst du sind die zwei dumm!
Der eine brummt, wie nebenbei,
ganz langsam: Tc6-c2.
Der and`re wird allmählich wach -
und knurrt: Da3-g3, Schach!
Der erste, weiter nicht erregt,
starrt vor sich hin und überlegt.
Dann plötzlich vor Erstaunen platt,
seufzt er ein einzig Wörtlein: Matt!
Und die du hieltst für nied`re Geister,
erkennst du jetzt als hohe Meister!


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Die Torte

Ein Mensch kriegt eine schöne Torte.
Drauf stehen in Zuckerguss die Worte:
"Zum heutigen Geburtstag Glück!"
Der Mensch isst selber nicht ein Stück,
doch muss er in gewaltigen Keilen
das Wunderwerk ringsum verteilen.
Das "Glück", das "heu", der "Tag" verschwindet,
Und als er nachts die Torte findet,
Da ist der Text nur mehr ganz kurz.
Er lautet nämlich nur noch: "burts"..
Der Mensch zur Freude jäh entschlossen,
Hat diesen Rest vergnügt genossen.


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Die Zugverspätung

Ein Mensch im Zug nach Frankfurt (Main) -
Um vierzehn-vier sollt er dort sein -
Wird schon in seinem Hoffen schwach:
Er ist noch nicht in Offenbach!
Verspätung - eine Viertelstunde!
Des Menschen Plan geht vor die Hunde!
Er kriegt den Anschluß nicht nach Wimpfen.
Gewaltig fängt er an zu schimpfen.
Ein andrer Mensch, zum Bahnhof laufend,
In Offenbach, zerschwitzt und schnaufend,
Verliert den letzten Hoffnungsschimmer:
Den Zug nach Frankfurt kriegt er nimmer!
Doch wie Musik tönt´s an der Sperr´:
"Heut ist´s nicht eilig, lieber Herr!
Der Zug kommt heute später an!"
Der Mensch lobt laut die Eisenbahn.
"Des einen Eul", gilt´s wieder mal
"Ist oft des andern Nachtigall!"


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Durch die Blume

Ein Mensch pflegt seines Zimmers Zierde,
Ein Rosenstöckchen mit Begierde.
Gießts täglich, ohne zu ermatten,
Stellts bald ins Licht, bald in den Schatten
Erfrischt ihm unentwegt die Erde,
Vermischt mit nassem Obst der Pferde,
Beschneidet sorgsam jeden Trieb -
Doch schon ist hin, was ihm so lieb.
Leicht ist hier die Moral zu fassen:
Man muß die Dinge wachsen lassen!


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Durchfall

Wenn einer viele Wochen lang
Den Prüfungsstoff, den er verschlang,
Und der, zumal er schlecht gekaut,
Ihm liegt im Magen, unverdaut,
Nun plötzlich, ausgequetscht wie toll,
Durch Reden von sich geben soll:
Was Wunder, daß sein Hirn verstopft,
Das Herz ihm klopft, der Schweiß ihm tropft!
Zum Munde kommt ihm nichts heraus,
Doch irgendwo muß es hinaus -
Wild rast es in ihm eingeweidlich
Und Durchfall ist dann unvermeidlich!

(Danke an Karl)


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Einbildung

Ein Mensch hält sich, wie viele Männer,
Für einen großen Frauenkenner:
Nicht wegen allzu reicher Ernte -
Nein, weil er keine kennenlernte!


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Einem Berühmten

Wenn Du auch noch so gut chirurgst,
Es kommt der Fall, den Du vermurxt.

(Danke an Karl)


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Einfache Sache

Ein Mensch drückt gegen eine Türe,
wild stemmt er sich, daß sie sich rühre!
Die schwere Türe, erzgegossen,
bleibt ungerührt und fest verschlossen.
Ein Unmensch, sonst gewiß nicht klug,
versuchts ganz einfach jetzt mit Zug.
Und schau! (Der Mensch steht ganz betroffen)
Schon ist die schwere Türe offen!
So geht's auch sonst in vielen Stücken:
Dort, wo's zu ziehen gilt, hilft kein Drücken!


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Ein Gleichnis

Die Frau, das weiß ein jeder, sei
Behandelt wie ein rohes Ei!
Sie ist ihr eignes Gleichnis so:
Empfindlich, aber selber - roh.

(Danke an Karl)


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Einladungen

Ein Mensch, der einem, den er kennt,
Gerade in die Arme rennt,
Fragt: "Wann besuchen Sie uns endlich?!"
Der andre: "Gerne, selbstverständlich!"
"Wie wär es", fragt der Mensch, "gleich morgen?"
"Unmöglich, Wichtiges zu besorgen!"
"Und wie wär's Mittwoch in acht Tagen?"
"Da müßt ich meine Frau erst fragen!"
"Und nächsten Sonntag?" "Ach wie schade,
Da hab ich selbst schon Gäste grade!"
Nun schlägt der andre einen Flor
von hübschen Möglichkeiten vor.
Jedoch der Mensch muß drauf verzichten,
Just da hat er halt andre Pflichten.
Die Menschen haben nun, ganz klar,
Getan, was menschenmöglich war,
Und sagen drum: "Auf Wiedersehen,
Ein andernmal wird's dann schon gehen!"
Der eine denkt, in Glück zerschwommen:
"Dem Trottel wär ich ausgekommen!"
Der andre, auch in siebten Himmeln:
"So gilt's, die Wanzen abzuwimmeln!"


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Ein Mensch von bangen Zweifeln voll
ist unentschlossen, was er soll.
Ha, denkt er da in seinem Grimme:
Wozu hab ich die innre Stimme?
Er lauscht gespannten Angesichts -
Jedoch, er hört und hört halt nichts.
Er horcht noch inniger und fester:
Nun tönt es wild wie ein Orchester.
Wo wir an sich schon handeln richtig,
Macht sich die innre Stimme wichtig.
Zu sagen uns: Du sollst nicht töten,
ist sie nicht eigentlich vonnöten.
Doch wird sie schon beim Ehebrechen
Nicht mehr so unzweideutig sprechen.
Ja, wenn es klar in uns erschälle:
Hier spricht der Himmel, hier die Hölle!
Doch leider können wir vom Bösen
Das Gute gar nicht trennscharf lösen.
Ist's die Antenne, sind's die Röhren,
Die uns verhindern, gut zu hören?
Ist's, weil von unbekanntem Punkt
Ein schwarzer Sender zwischenfunkt?
Der Mensch umschwirrt von so viel Wellen
Beschließt, die Stimme abzustellen.
Gleichviel, ob er das Richtige tue,
Hat er zum mindesten jetzt Ruhe.


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Ein Mensch von gründlicher Natur
Macht bei sich selber Inventur.
Wie manches von den Idealen,
Die er einst teuer musste zahlen,
Gibt er, wenn auch nur widerwillig,
Weit unter Einkaufspreis, spottbillig.
Auf einen Wust von holden Träumen
Schreibt er entschlossen jetzt:
"Wir räumen!"
Und viele höchste Lebensgüter
Sind nur mehr alte Ladenhüter.
Doch ganz vergessen unterm Staube
Ist noch ein Restchen alter Glaube,
Verschollen im Geschäftsbetriebe
Hielt sich noch ein Quentchen Liebe,
Und unter wüstem Kram verschloffen
Entdeckt er noch ein Stückchen Hoffen.
Der Mensch, verschmerzend seine Pleite,
Bringt die drei Dinge still beiseite
Und lebt ganz glücklich bis zur Frist,
Wenn er noch nicht gestorben ist.


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Ein Mensch - was noch ganz ungefährlich -
Erklärt die Quanten (schwer erklärlich).
Ein zweiter, der das All durchspäht,
Erforscht die Relativität.
Ein dritter nimmt, noch harmlos, an,
Geheimnis stecke im Uran.
Ein vierter ist nicht fernzuhalten
Von dem Gedanken, kernzuspalten.
Ein fünfter - reine Wissenschaft -
Entfesselt der Atome Kraft.
Ein sechster, auch noch bonafidlich*,
Will sie verwerten, doch nur friedlich.
Unschuldig wirken sie zusammen:
Wen dürfen, einzeln, wir verdammen?
Ist`s nicht der siebte oder achte,
Der Bomben dachte und dann machte?
Ist`s nicht der Böseste der Bösen,
Der`s dann gewagt, sie auszulösen?
Den Teufel mag man nicht erwischen:
Er steckt von Anfang an dazwischen.

* bona fide = guten Glaubens, gutgläubig


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Einsicht

Der Kranke traut nur widerwillig
Dem Arzt, der's schmerzlos macht und billig.
Laßt nie den alten Grundsatz rosten:
Es muß a) wehtun, b) was kosten.


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Entomologisches

Ein Mensch, als Ehemann sonst bräver,
Geriet an einen netten Käfer,
Mit dem er sich, moralgekräftigt,
Aus reinem Wissensdrang beschäftigt.
Er glaubt' denn auch, er hätt' entdeckt,
Ein neues, reizendes Insekt.
Doch leider wars nur eine Wanze,
Die beutegierg ging aufs Ganze.
Der Mensch bezahlte nun sein Wissen
Noch lange mit Gewissensbissen.


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Entscheidungen

Ein Mensch, der für den Fall, er müßte,
Sich - meint er - nicht zu helfen wüßte,
trifft doch den richtigen Entschluß
Aus tapferm Herzen: Denn er muß!
Das Bild der Welt bleibt immer schief,
betrachtet aus dem Konjunktiv.


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Entwicklung

Ein Mensch, der beste Mensch der Welt,
Wird eines Tages angestellt
Und muß - er tuts zuerst nicht gern -
Laut bellen nun für seinen Herrn
Bald wird er, wie es ihm geheißen,
Die Zähne zeigen, ja gar beißen.
Er wird sein Amt - im Bild gesprochen -
Wild fletschend, wie der Hund den Knochen,
Dem einer ihm mißgönnt, verteidigen -
Ein schiefer Blick kann ihn beleidigen.
Dann wird er milder, Zahn um Zahn
Wird stumpf und fängt zu wackeln an -
Bis schließlich er, als Pensionist,
Fast wieder Mensch geworden ist.


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Erfolgloser Liebhaber

Ein Mensch wollt sich ein Weib erringen,
Doch leider konnts ihm nicht gelingen.
Er ließ sich drum, vor weitern Taten,
Von Frauen und Männern wohl beraten:
"Nur nicht gleich küssen, tätscheln, tappen!"
"Greif herzhaft zu, dann muss es klappen"
"Lass deine ernste Absicht spüren!"
"Sei leicht und wahllos im Verführen!"
"Der Seele Reichtum lege bloß!"
"Sei scheinbar kalt und rücksichtslos!"
Der Mensch hat alles durchgeprobt,
Hat hier sich ehrenhaft verlobt,
Hat dort sich süß herangeplaudert,
Hat zugegriffen und gezaudert,
Hat Furcht und Mitleid auferweckt,
Hat sich verschwiegen, sich entdeckt,
War zärtlich kühn, war reiner Tor,
Doch wie er's machte - er verlor.
Zwar stimmte jeder Rat genau,
Doch jeweils nicht für jede Frau!


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Erste Hilfe

Man liest zwar deutlich überall:
Was tun bei einem Unglücksfall?
Doch ahnungslos ist meist die Welt,
Wie sie beim Glücksfall sich verhält.


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Fahrtberichte

Mein Urgroßvater war einst schon
In Rußland mit Napoleon
Und sagte - neunzig Jahre alt -,
Gefragt, wie's war, ein Wort nur: "Kalt!"
Genau genommen war das klug:
Es wußte jedermann genug.
Auch wir sind ähnlich eingestellt.
Und schon, daß man der schnöden Welt
Die Neugier einmal abgewöhn',
Erklärn wir kurz und bündig: "Schön!"
Und sehn, daß Freund und Weib und Kind
Vollauf damit zufrieden sind.
Klingt auch das Fragen oft beflissen:
Kein Mensch will es im Grunde wissen.


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Falscher Verdacht

Ein Mensch hat meist den übermächtigen
Naturdrang, andre zu verdächtigen.
Die Aktenmappe ist verlegt.
Er sucht sie, kopflos und erregt,
Und schwört bereits, sie sei gestohlen,
Und will die Polizei schon holen
Und weiß von nun an überhaupt,
Daß alle Welt nur stiehlt und raubt.
Und sicher ist's der Herr gewesen,
Der, während scheinbar er gelesen -
Er ahnt genau, wie es geschah...
Die Mappe? Ei, da liegt sie ja!
Der ganze Aufwand war entbehrlich
Und alle Welt wird wieder ehrlich.
Doch den vermeintlich frechen Dieb
Gewinnt der Mensch nie mehr ganz lieb,
Weil der die Mappe, angenommen,
Sie wäre wirklich weggekommen -
Und darauf wagt er jede Wette -
Gestohlen würde haben hätte!


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Fingerspitzengefühl

Gefühl kann ganz verschieden sitzen:
Der hat es in den Fingerspitzen,
Bei jenem aber ist's verzogen
Hinauf bis an die Ellenbogen.
Es ist zwar dann nicht mehr ganz fein,
Doch soll es sehr von Vorteil sein.

(Danke an Karl)


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Fragen

Ein Mensch wird müde seiner Fragen:
Nie kann ein Mensch ihm Antwort sagen.
Doch gern gibt er Auskunft alle Welt
Auf Fragen, die er nie gestellt.


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Freiheit

Ein Mensch schwärmt in Begeistrung hell
Fürs Schweizervolk und seine Tell,
Der niederschoß den Habsburg-Schergen
Und Freiheit ausrief in den Bergen,
Was ihm belohnt mit guten Franken,
Noch heut die späten Enkel danken.
Die Welt mit Freiheit gerne prahlt,
Die alt verbürgt und längst bezahlt.
Doch kleiner wird der Kreis von Lobern,
Gilts hier und heut sie zu erobern.


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Für Architekten

Ein Mensch, der auf ein Weib vertraut
und drum ihm einen Tempel baut
und meint, das wär sein Meisterstück,
erlebt ein schweres Bauunglück.

Leicht findet jeder das Exempel:
Auf Weiber baut man keinen Tempel!


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Für Fortschrittler

Ein Mensch liest staunend, fast entsetzt,
daß die moderne Technik jetzt
den Raum, die Zeit total besiegt:
drei Stunden man nach London fliegt.
Der Fortschritt herrscht in aller Welt.
Jedoch, der Mensch besitzt kein Geld.
Für ihn liegt London grad so weit
wie in der guten alten Zeit.


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Für Moralisten

Ein Mensch hat eines Tags bedacht,
was er im Leben falsch gemacht,
und fleht, genarrt von Selbstvorwürfen,
gutmachen wieder es zu dürfen.
Die Fee, die zur Verfügung steht,
wenn sich's, wie hier, um Märchen dreht,
erlaubt ihm denn auch augenblicks
die Richtigstellung des Geschicks.
Der Mensch besorgt dies äußerst gründlich,
merzt alles aus, was dumm und sündlich.
Doch spürt er, daß der saubern Seele
ihr innerlichstes Wesen fehle,
und scheußlich geht's ihm auf die Nerven:
Er hat sich nichts mehr vorzuwerfen,
und niemals wird er wieder jung
im Schatten der Erinnerung.
Dummheiten, fühlt er, gibt's auf Erden
nur zu dem Zweck, gemacht zu werden.


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Gegen Aufregung

Wen Briefe ärgern, die er kriegt,
dem sei, auf daß sein Zorn verfliegt,
genannt ein Mittel, höchst probat,
das manchem schon geholfen hat.
Er suche sich aus alten Akten
die schon erledigt weggepackten
Droh-, Schmäh-, Mahn-, Haß- und Liebesbriefe,
die schliefen in Vergessenstiefe:
Beschwichtigt alles und berichtigt,
entzichtigt, nichtig und entwichtigt!
So wird die Zeit bald mit dem fertig,
was gegen-, vielmehr widerwärtig.
Ad acta wirst auch du gelegt
samt allem, was dich aufgeregt.


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Gemütsleiden

Es können die Gemütskrankheiten
Nur, wo Gemüt ist, sich verbreiten.
Drum gehen auch, zu unserm Glück,
Gemütskrankheiten stark zurück.

(Danke an Karl)


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Gezeiten der Liebe

Ein Mensch schreibt mitternächtig tief
An die Geliebte einen Brief,
Der schwül und voller Nachtgefühl.
Sie aber kriegt ihn morgenkühl,
Liest gähnend ihn und wirft ihn weg.
Man sieht, der Brief verfehlt den Zweck.
Der Mensch, der nichts mehr von ihr hört,
Ist seinerseits mit Recht empört
Und schreibt am hellen Tag, gekränkt
Und saugrob, was er von ihr denkt.
Die Liebste kriegt den Brief am Abend,
Soeben sich entschlossen habend,
Den Menschen dennoch zu erhören -
Der Brief muss diesen Vorsatz stören.
Nun schreibt, die Grobheit abzubitten,
Der Mensch noch einen zarten dritten
Und vierten, fünften, sechsten, siebten
Der herzlos schweigenden Geliebten.
Doch bleibt vergeblich alle Schrift,
Wenn man zuerst danebentrifft.


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Gleichgewicht

Was bringt den Doktor um sein Brot?
a) die Gesundheit, b) der Tod.
Drum hält der Arzt, auf daß er lebe,
Uns zwischen beiden in der Schwebe.


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Glück

Wie das Dunkel Well um Well
In mein Zimmer mündet,
Schüchtern wird die Kerze hell,
Die ich angezündet.

Engel rauschen blau herein,
Kühl mit leisen Schwingen,
Tanzen um den goldnen Schein,
Heben an zu singen.

Und wir beide, ich und du,
Halten uns umgschlungen,
Schauen, horchen lächelnd zu,
Bis wir mitverklungen.

(aus meinem Gästebuch, von Torsten)


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Grenzfall

Ein Mensch war eigentlich ganz klug
Und schließlich doch nur klug genug,
Um einzusehen, schmerzlich klar,
Wie blöd er doch im Grunde war.

Unselig zwischen beiden Welten,
Wo Weisheit und wo Klugheit gelten,
Ließ seine Klugheit er verkümmern
und zählt nun glücklich zu den Dümmern.


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Gründliche Einsicht

Ein Mensch sah jedesmal noch klar:
Nichts ist geblieben so, wie's war.-
Woraus er ziemlich leicht ermißt:
Es bleibt auch nichts so, wie's grad ist.
Ja, heut schon denkt er, unbeirrt:
Nichts wird so bleiben, wie's sein wird.


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Hausmittel

Kam dir als arglos ruhendem Schläfer
ins Ohr ein Ohrwurm oder Käfer,
der leicht, wenn er darin rumort
bis ins Gehirn sich bohrt,
so sollst du, wie die Alten raten,
dir einen süßen Apfel braten
und diesen halten an dein Ohr.
Und alsbald kriecht der Wurm hervor,
der sich von diesem Leibgericht
mehr als vom Ohrenschmalz verspricht.


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Herstellt Euch!

Ein Mensch hat einen andern gern,
Er kennt ihn, vorerst, nur von fern
Und sucht, in längerm Briefewechseln
Die Sache nun dahin zu drechseln,
Daß man einander bald sich sähe
Und kennen lernte aus der Nähe.
Der Mensch, erwartend seinen Gast,
Vor Freude schnappt er über fast.
Die beiden, die in manchem Briefe
Sich zeigten voller Seelentiefe,
Sie finden nun, vereinigt häuslich,
Einander unausstehlich scheußlich.
Sie trennen bald sich, gall- und giftlich -
Und machen's seitdem wieder schriftlich.


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Hilflosigkeiten

Ein Mensch, voll Drang, daß er sich schneuzt,
sieht diese Absicht schnöd durchkreuzt:
Er stellt es fest mit leisem Fluch,
daß er vergaß sein Taschentuch.
Indessen sind Naturgewalten,
wie Niesen, oft nicht aufzuhalten.
Und während nach dem Tuch er angelt,
ob es ihm wirklich völlig mangelt,
beschließt die Nase, reizgepeinigt,
brutal, daß sie sich selber reinigt.
Der Mensch steht da mit leeren Händen...
Wir wollen uns beiseite wenden,
denn es gibt Dinge, welche peinlich
für jeden Menschen, so er reinlich.
Wir wollen keinen drum verachten,
jedoch erst wieder ihn betrachten,
wenn er sich (wie, muß man nicht wissen)
dem Allzumenschlichen entrissen.


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Holde Täuschung

Bei Nikotin und Alkohol
Fühlt sich der Mensch besonders wohl.
Und doch, es macht ihn nichts so hin
Wie Alkohol und Nikotin.

(Danke an Karl)


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Immer falsch

Ein Mensch - seht ihn die Stadt durchhasten! -
Sucht dringend einen Postbriefkasten.
Vor allem an den Straßenecken
Vermeint er solche zu entdecken.
Jedoch, er bleibt ein Nicht-Entdecker
Dafür trifft fast auf jedem Fleck er
Hydranten, Feuermelder an,
Die just er jetzt nicht brauchen kann.

Der Mensch, acht Tage später rennt
Noch viel geschwinder, denn es brennt!
Doch hält das Schicksal ihn zum besten:
An jedem Eck nur Postbriefkästen!


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Immer höflich

Ein Mensch grüßt, als ein Mann von Welt,
Wen man ihm einmal vorgestellt.
Er trifft denselben äußerst spärlich,
Wenn´s hochkommt, drei-bis viermal jährlich
Und man begrinst sich, hohl und heiter,
Und geht dann seines Weges weiter.
Doch einmal kommt ein schlechter Tag,
Wo just der Mensch nicht grinsen mag;
Und er geht stumm und starr vorbei,
Als ob er ganz wer andrer sei.
Doch solche Unart rächt sich kläglich:
Von Stund an trifft er jenen täglich.


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Je nachdem

Ein Mensch steht an der Straßenbahn.
Grad kommt sie, voll von Leuten, an,
die alle schrein - denn sie sind drin -:
"Bleib draußen, Mensch, 's hat keinen Sinn!"
Der Mensch, der andrer Meinung ist,
drückt sich hinein mit Kraft und List,
ja, man kann sagen, was kein Lob,
unmenschlich, lackelhaft und grob.
Der Mensch, jetzt einer von den Drinnern
kann kaum sich des Gefühls erinnern,
das einer hat, der draußen jammert,
und krampfhaft sich ans Trittbrett klammert.
Er macht sich deshalb breit und brüllt:
"Sie sehn doch - alles überfüllt!"
Doch ginge unser Urteil fehl,
spräch es dem Menschen ab die Seel.
Inzwischen sitzend selbst im Warmen,
spricht er zum Nachbarn voll Erbarmen,
wie man es wohl begreifen solle,
daß jeder Mensch nach Hause wolle.
Ja, mit Humor, sagt er nun heiter,
und gutem Willen käm man weiter!


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Jugend

Die Jugend neigt in schlimmen Zeiten
Oft stark zu Pubertätlichkeiten.

(Danke an Karl)


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Kassenhass

Ein Mann, der eine ganze Masse
Gezahlt hat in die Krankenkasse,
Schickt jetzt die nötigen Papiere,
Damit auch sie nun tu das ihre.
Jedoch er kriegt nach längrer Zeit
statt baren Gelds nur den Bescheid,
Nach Paragraphenziffer X
Bekomme er vorerst noch nix,
Weil, siehe Ziffer Y,
Man dies und das gestrichen schon,
So daß er nichts, laut Ziffer Z,
Beanzuspruchen weiter hätt.
Hingegen heißt's, nach Ziffer A,
Daß er vermutlich übersah,
Daß alle Kassen, selbst in Nöten,
Den Beitrag leider stark erhöhten
Und daß man sich, mit gleichem Schreiben,
Gezwungen seh, ihn einzutreiben.
Besagter Mann denkt, krankenkässlich,
In Zukunft ausgesprochen häßlich.


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Klare Entscheidung

Ja, der Chirurg, der hat es fein:
Er macht dich auf und schaut hinein.
Er macht dich nachher wieder zu ?
Auf jeden Fall hast du jetzt Ruh.
Wenn m i t Erfolg, für längere Zeit,
Wenn o h n e - für die Ewigkeit.

(Danke an Karl)


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Kleine Ursachen

Ein Mensch - und das geschieht nicht oft -
Bekommt Besuch, ganz unverhofft,
Von einem jungen Frauenzimmer,
Das grad, aus was für Gründen immer -
Vielleicht aus ziemlich hintergründigen -
Bereit ist, diese Nacht zu sündigen.
Der Mensch müßt nur die Arme breiten,
Dann würde sie in diese gleiten.
Der Mensch jedoch den Mut verliert,
Denn leider ist er unrasiert.
Ein Mann mit schlechtgeschabtem Kinn
Verfehlt der Stunde Glücksgewinn,
Und wird er schließlich doch noch zärtlich,
Wird er's zu schwach und auch zu bärtlich.
Infolge schwacher Reizentfaltung
Gewinnt die Dame wieder Haltung
Und läßt den Menschen, rauh von Stoppeln,
Vergebens seine Müh verdoppeln.
Des Menschen Kinn ist seitdem glatt -
Doch findet kein Besuch mehr statt.


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Kleinigkeiten

Ein Mensch, der was geschenkt kriegt, denke:
Nichts zahlt man teurer als Geschenke!

Ein Mensch wollt immer recht behalten:
So kam's vom Haar - zum Schädel spalten!

Ein Mensch fühlt oft sich wie verwandelt,
sobald man menschlich ihn behandelt!


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Klugheit

Ein Mensch war eigentlich ganz klug,-
und schließlich doch nur klug genug,-
um einzusehen, schmerzlich klar,-
wie blöd er doch im Grunde war,-
unselig zwischen beiden Welten,-
wo Weisheit und wo Klugheit gelten,-
ließ seine Klugheit er verkümmern,-
und zählt nun glücklich zu den Dümmer'n.


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Kontaktlos

Ein Mensch mag noch so wertlos sein -
Er ist doch nicht nur tauber Stein:
Hat er nicht gleich ein goldnes Herz,
Ein bißchen führt ein jeder Erz:
Seis Silber, Kupfer, Eisen, Zinn,
Ja, seis nur Blei - es steckt was drin.
Jedoch kein Mensch, obwohl er dürft,
In andern Menschen tiefer schürft,
Weil er von vornhinein betont,
Daß sich der Abbau wohl nicht lohnt.


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Kunst

Ein Mensch malt, vor Begeist'rung wild,
drei Jahre lang an einem Bild.
Dann legt er stolz den Pinsel hin
und sagt: "Da steckt viel Arbeit drin!"
Doch damit war's dann leider aus:
Die Arbeit kam nicht mehr heraus!


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Lebensangst

Oft hat man schrecklich Angst vorm Leben,
doch mit der Zeit wird sich das geben!
Das Leben ist ein alter Brauch
und andere Leute leben auch,
obwohl sie's eigentlich nicht können -
Rezept: Der bösen Welt nicht gönnen,
daß sie verächtlich auf uns schaut!
Nur frisch der eignen Kraft vertraut!
Am Leben krankt nur, wer gescheit -
gesunde Dummheit, die bringt's weit!


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Lebensleiter

Wir sehen es mit viel Verdruß,
was alles man erleben muß;
und darauf ist jeder darauf scharf,
daß er noch viel erleben darf.
Wir alle steigen ziemlich heiter
empor auf unsrer Lebensleiter:
Das Gute, das wir gern genossen,
das sind der Leiter feste Sprossen.
Das Schlechte - wir bemerkens kaum -
ist nichts als leerer Zwischenraum.


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Lebenslügen

Ein Mensch wird schon als Kind erzogen
Und, dementsprechend, angelogen.
Er hört die wunderlichsten Dinge,
Wie, dass der Storch die Kinder bringe,
Das Christkind Gaben schenk zur Feier,
Der Osterhase lege Eier.
Nun, er duchschaut nach ein paar Jährchen,
Dass all das nur ein Ammenmärchen.
Doch andre, weniger fromme Lügen
Glaubt bis zum Tod er mit Vergnügen.


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Leib und Seele

Ein Mensch mißachtet die Befehle
Des bessern Ich, der zarten Seele -
Bis die beschließt, gekränkt zu schwer:
Mit dem verkehre ich nicht mehr.
Sie lebt seitdem, verbockt und stumm
Ganz teilnahmslos in ihm herum.


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Leider

Ein Mensch sieht schon seit Jahren klar:
Die Lage ist ganz unhaltbar.
Allein - am längsten leider hält
Das Unhaltbare auf der Welt.


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Lob der Heilkunst

Zwar Handwerk oft und nur zum Teil Kunst,
Ist doch das Wichtigste die Heilkunst.
Gäb´ sonst ein Künstler so bescheiden
Sich ab mit kleinen Erdenleiden?
Unsterblichkeit ist Künstlers Ziel,
Heilkünstler wollen nicht so viel.
Sie sind zufrieden, kommt´s so weit,
Daß nachläßt nur die Sterblichkeit.
Die anderen Künste sind im Grunde
Doch nur Genüsse für Gesunde:
Mitunter mehr als ein Gedicht
Den Kranken ein Rezept anspricht,
Und mehr als ein Gemäld´ ihm gilt
Ein wohlgetroff´nes Krankheitsbild,
Weil ihm vor allem daran liegt,
Daß er selbst wieder Farbe kriegt.
Hörst Du vor Schmerz die Engel singen,
Der Doktor zwingt ihn, abzuklingen.
So ist im Heiler Blüt´ und Kraft
Vereint mit Kunst und Wissenschaft

(Danke an Karl)


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Manager

Ein Mensch wird alle Tage kränker:
Nur noch Betriebs- und Wagenlenker,
Lebt er dahin, teils seelenhastig,
Teils leibträg, ohne Heilgymnastik.
Was hat er Wichtigs zu erledigen!
Vergebens Frau und Freunde predigen,
Dass er auf die Gesundheit seh
Und, wenn schon nicht in Urlaub geh,
Ein bisschen laufe, schwimme, turne -
Zu spät: der Rest kommt in die Urne;
Der Schlag, just vor der Unterschrift
Des letzten Briefs den Menschen trifft.
Die Sekretärin, noch hienieden,
Schreibt drunter: nach Diktat verschieden.


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Man wird bescheiden

Ein Mensch erhofft sich fromm und still,
Daß er einst das kriegt, was er will.
Bis er dann doch dem Wahn erliegt
Und schließlich das will, was er kriegt.


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Metaphysisches

Ein Mensch erträumt, was er wohl täte,
Wenn wieder er die Welt beträte.
Dürft er zum zweiten Male leben,
Wie wollt er nach dem Guten streben
Und streng vermeiden alles Schlimme!
Da ruft ihm zu die innre Stimme:
"Hör auf mit diesem Blödsinn, ja?!
Du bist zum zwölften Mal schon da!"


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Mitleid

Das Mitleid kann, selbst echt und rein
mitunter falsch am Platze sein.
Mit Takt gilt es zu unterscheiden,
was jeweils heilsam für ein Leiden,
ob Händedruck aufmunternd, stark,
ob in die Hand gedrückt zehn Mark.


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Mitmenschen

Ein Mensch schaut in der Straßenbahn
Der Reihe nach die Leute an:
Jäh ist er zum Verzicht bereit
Auf jede Art Unsterblichkeit.


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Momento Mori

Ein Mensch, von Arbeit überhäuft,
indes die Zeit von dannen läuft,
hat zu erledigen eine Menge,
und kommt, so sagt man, ins Gedränge.
Inmitten all der Zappelnot
trifft ihn der Schlag, und er ist tot.
Was grad so wichtig noch erschienen,
fällt hin: Was bleibt von den Terminen?
Nur dieser einzige zuletzt:
Am Mittwoch wird er beigesetzt.
Und schau, den hält er pünktlich ein,
denn er hat Zeit jetzt, es zu sein.


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Morgenglück

Aneinander erwachen
Aus ahnenden Traum,
Die Augen aufmachen
In klingenden Raum

Die Hände fühlen
und schlafeswarm
Hinüberspülen
In deinen Arm
So süß gebettet,
So Blut an Blut,
So sanft gerettet
Aus Nacht und Flut

Im Grenzenlosen
So still zu zweit...
Der Tag weht Rosen
So leicht, so weit...


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Musikalisches

Ein Mensch, will er auf etwas pfeifen,
darf sich im Tone nicht vergreifen.


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Nachdenkliche Geschichte

Ein Mensch hält Krieg und Not und Graus,
kurzum ein Hundeleben aus,
und all das, sagt er, zu verhindern,
daß Gleiches drohe seinen Kindern.
Besagte Kinder werden später
erwachsne Menschen, selber Väter
und halten Krieg und Not und Graus...

Wer denken kann, der lernt daraus.


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Nächtliches Erlebnis

Ein Mensch, der nachts schon ziemlich spät
an ein verworfnes Weib gerät,
das schmelzend Bubi zu ihm sagt
und ihn mit wilden Wünschen plagt,
fühlt zwar als Mann sich süß belästigt,
jedoch im Grund bleibt er gefestigt
und läßt, bedenkend die Gebühren,
zur Ungebühr sich nicht verführen.
Doch zugleich sparsam und voll Feuer
bucht er das dann als Abenteuer.


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Nordsee

Der Fremdling kommt, er ist gespannt.
Was sieht er? Sand und wieder Sand.
Der Kitsch der Welt begegnet ihm
Hier ausgesprochen maritim.
Ob rechter Weg, ob linker Weg,
Es ist der gleiche Klinkerweg.
Und hier soll er drei Wochen bleiben?
Wie soll er sich die Zeit vertreiben?
Soll er sich einen Strandkorb chartern?
Sich gar mit Burgenbauen martern?
Er fühlt sich über die erhaben,
Die eifervoll im Sande graben.
Am zweiten Tag, als Stundenschmelzer,
Holt er hervor den dicken Wälzer,
Doch schaut er, durch und durch versandet,
Bald nur noch, wie die Woge brandet.
Am dritten - wie ein Teufelchen
Gräbt selbst er mit dem Schäufelchen
Und hat am vierten sich, als Gast,
Schon ganz der Umwelt angepaßt.
Die Zeit, der Sand, die Welle rinnt:
Der Mensch wird unversehns zum Kind
Und heult auch wie ein Kind zum Schluß,
Unglücklich, weil's nach Hause muß.


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Optische Täuschung

Ein Mensch sitzt stumm und liebeskrank
Mit einem Weib auf einer Bank:
Er nimmt die bittre Wahrheit hin,
Daß sie zwar liebe, doch nicht ihn.
Ein andrer Mensch geht still vorbei
Und denkt, wie glücklich sind die zwei,
Die - in der Dämmrung kann das täuschen -
Hier schwelgen süß in Liebesräuschen.
Der Mensch in seiner Not und Schmach
Schaut trüb dem andern Menschen nach
Und denkt, wie glücklich könnt ich sein,
Wär ich so unbeweibt allein.
Darin besteht ein Teil der Welt,
Daß andre man für glücklich hält.


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Phantastereien

Ein Mensch denkt nachts in seinem Bette,
was er gern täte, wäre, hätte.
Indes schon Schlaf ihn leicht durchrinnt,
er einen goldnen Faden spinnt
und spinnt und spinnt sich ganz zurück
in Märchentraum und Kindergläck.

Er möchte eine Insel haben,
darauf ein Schloß mit Wall und Graben,
das so geheimnisreich befestigt,
daß niemand ihn darin belästigt.

Dann möchte er ein Schiff besitzen
mit selbsterfundenen Geschützen,
daß ganze Länder, nur vom Zielen,
in gläserne Erstarrung fielen.

Dann wünscht er sich ein Zauberwort,
damit den Nibelungenhort -
Tarnkappe, Ring und Schwert - zu heben.

Dann möcht er tausend Jahre leben,
dann möcht er... doch er findet plötzlich
dies Traumgeplantsch nicht mehr ergötzlich.
Er schilt sich selbst: "Hanswurst, saudummer!"
Und sinkt nun augenblicks in Schlummer.


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Probleme

Ein Jungeselle, hartgesotten,
Kann leicht der weichern Menschen spotten,
Die, büßend ihre Fleischessünden,
Nachgeben und Familien gründen.
Allein reist einer unbehindert;
Doch was tut einer, der bekindert?
Leicht wär es, sie daheim zu lassen -
Hätt man nur wen, drauf aufzupassen!
Entschließt man sich, sie mitzunehmen,
Gibt's eine Fülle von Problemen,
Wie man es geldlich macht und nervlich.
Und Wankelmut ist ganz verwerflich.
Ja, wer gebunden kind- und keglich,
Braucht Schwung - sonst wird er unbeweglich.


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Prüfungen

Ein Mensch gestellt auf eine harte Probe,
Besteht sie, und mit höchstem Lobe.
Doch sieh da: es versagt der gleiche,
Wird er gestellt auf eine weiche!


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Relativität

Wer Hunger hat, der isst sich satt,
vorausgesetzt, dass er was hat.

Wer Liebe fühlt, zeigt sich als Mann,
vorausgesetzt, dass er das kann.

Wer Wahrheit liebt, der urteilt scharf,
vorausgesetzt, dass er das darf.

Wer Ruhe sucht, verhält sich still,
vorausgesetzt, dass er das will.

Wer Geld möcht´, schuftet mit Verdruss,
vorausgesetzt, dass er das muss.

Wer sterben soll, stirbt wie ein Christ,
vorausgesetzt, dass er das ist.

Kurz, was uns auf der Welt gelingt,
ist leider ungemein bedingt.


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Saubere Brüder

Ein Mensch sieht Hand von Hand gewaschen.
Und doch - es muß ihn überraschen,
Daß der Erfolg nur ein geringer:
Zum Schluß hat alles schmierige Finger!


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Schütteln

Auf Flaschen steht bei flüssigen Mitteln,
Man müsse vor Gebrauch sie schütteln.
Und dies begreifen wir denn auch -
Denn zwecklos ist es nach Gebrauch.
Auch Menschen gibt es, ganz verstockte,
Wo es uns immer wieder lockte,
Sie herzhaft hin- und herzuschwenken,
In Fluß zu bringen so ihr Denken,
Ja, sie zu schütteln voller Wut -
Doch lohnt sich nicht, daß man das tut.
Man laß sie stehn an ihrem Platz
Samt ihrem trüben Bodensatz.


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Seelische Gesundheit

Ein Mensch frisst viel in sich hinein:
Missachtung, Ärger, Liebespein.
Und jeder fragt mit stillem Graus:
Was kommt da wohl einmal heraus?
Doch sieh! Nur Güte und Erbauung.
Der Mensch hat prächtige Verdauung.


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Seltsam genug

Ein Mensch erlebt den krassen Fall,
Es menschelt deutlich, überall -
Und trotzdem merkt man, weit und breit
Oft nicht die Spur von Menschlichkeit.


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So und so

Ein Mensch, der knausernd, ob er's sollte,
Ein magres Trinkgeld geben wollte,
Vergriff sich in der Finsternis
Und starb fast am Gewissensbiß.
Der andre, bis ans Lebensende,
Berichtet gläubig die Legende
Von jenem selten noblen Herrn -
Und alle Leute hören's gern.
Ein zweiter Mensch, großmütig, fein,
Schenkt einem einen großen Schein.
Und der, bis an sein Lebensende
Verbreitet höhnisch die Legende
Von jenem Tölpel, der gewiß
Getäuscht sich in der Finsternis. -


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Sprichwörtliches

Ein Mensch bemerkt mit bitterm Zorn,
dass keine Rose ohne Dorn.
Doch muss ihn noch viel mehr erbosen,
dass sehr viel Dornen ohne Rosen.


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Steinleiden

Ein Nieren- oder Gallenstein
Mag ungeheuer schmerzhaft sein.
Wer aber redet von den Schmerzen,
Die oft ein Stein macht auf dem Herzen?
Das ist der beste Arzt der Welt,
Der macht, daß er herunterfällt!

(Danke an Karl)


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Streuungsmaße

Ein Mensch der von Statistik hört,
denkt dabei nur an den Mittelwert.
Er glaubt nicht dran und ist dagegen,
ein Beispiel soll es gleich belegen:
Ein Jäger auf der Entenjagd
hat einen ersten Schuß gewagt.
Der Schuß zu hastig aus dem Rohr,
lag eine gute Handbreit vor.
Der zweite Schuß mit lautem Krach
lag eine gute Handbreit nach.
Der Jäger spricht ganz unbeschwert
voll Glauben an den Mittelwert:
"Statistisch ist die Ente tot."
Doch wär er klug und nähme Schrot-
dies sei gesagt, Ihn zu bekehren
würde seine Chancen mehren:
Der Schuß geht ab, die Ente stürzt,
weil Streuung ihr das Leben kürzt.


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Strohwitwer

Der Urlaub ist erholsam meist
nicht nur für den, der in ihn reist;
auch den, der dableibt, freut die Schonung,
die er geniesst in stiller Wohnung.
So zählen zu den schönsten Sachen
oft Reisen, die die andern machen!


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Trauriger Fall

Ein Mensch, der manches liebe Jahr
mit seinem Weib zufrieden war,
dann aber plötzlich Blut geleckt hat,
denkt sich: "Varietas delectat -"
und schürt sein letztes, schwaches Feuer
zu einem wilden Abenteuer.
Jedoch bemerkt er mit Erbosen,
daß seine alten Unterhosen
ausschließlich ehelichen Augen
zur Ansicht, vielmehr Nachsicht, taugen
und daß gewiß auch seine Hemden
ein fremdes Weib noch mehr befremden,
daß, kurz, in Hose, Hemd und Socken
er Welt und Halbwelt nicht kann locken.
Der Mensch, der innerlich noch fesche,
nimmt drum, mit Rücksicht auf die Wäsche,
endgültig Abschied von der Jugend
und macht aus Not sich eine Tugend.


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Trauriger Fall II

Ein Mensch ist leider ziemlich schüchtern
Und ohne Schwung, so lang er nüchtern.
Doch zündet kaum bei ihm der Funken,
Ists schon zu spät: er ist betrunken.
So muss er immmer wieder scheitern:
Nie glückts ihm, sich nur anzuheitern.


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Trost

Ein Mensch, entschlußlos und verträumt,
hat wiederholt sein Glück versäumt.
Doch ist der Trost ihm einzuräumen
Man kann sein Unglück auch versäumen.


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Überraschungen

Ein Mensch dem Sprichwort Glauben schenkt:
'S kommt alles anders, als man denkt -
Bis er dann die Erfahrung macht:
Genau so kams, wie er gedacht.


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Undank

Ein guter Arzt weiß gleich oft, wo.
Statt daß man dankbar wär und froh,
Ist man so ungerecht und sagt:
"Der hat sich auch nicht arg geplagt!"
Ein andrer tappt ein Jahr daneben -
Mild heißt's: "Müh hat er sich gegeben!"


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Unerwünschte Belehrung

Ein Mensch, dem's ziemlich dreckig geht,
Hört täglich doch, von früh bis spät,
Daß ihm das Schicksal viel noch gönnte
Und er im Grunde froh sein könnte;
Daß, angesichts manch schwererer Bürde
Noch der und jener froh sein würde,
Daß, falls man etwas tiefer schürfte,
Er eigentlich noch froh sein dürfte;
Daß, wenn genau man's nehmen wollte,
Er, statt zu jammern, froh sein sollte,
Daß, wenn er andrer Sorgen wüßte,
Er überhaupt noch froh sein müßte.
Der Mensch, er hört das mit Verdruß,
Denn unfroh bleibt, wer froh sein muß.


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Ungleicher Kampf

Ein Mensch von innerem Gewicht
Liebt eine Frau. Doch sie ihn nicht.
Doch dass sie ihn nicht ganz verlöre
Tut sie, als ob sie ihn erhöre.
Der Mensch hofft deshalb unverdrossen,
Sie habe ihn ins Herz geschlossen,
Darin er, zwar noch unansehlich,
Bald wachse - einer Perle ähnlich.
Doch sieh, da kommt schon eins - zwei - drei
Ein eitler, junger Fant herbei,
Erlaubt sich einen kleinen Scherz,
Gewinnt im Fluge Hand und Herz.

Ein Mensch, selbst als gereifte Perle,
ist machtlos gegen solche Kerle.


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Variationen

Ein Mensch, bei Weibern nichts erreicht. -
Ein zweiter meint: "... und ist so leicht!"
Der wiederum, so weiberstark,
Müht sich vergebens um zehn Mark.
Der Mensch, nicht in der Gunst der Weiber,
Verdient die leicht, als Zeitungsschreiber.
Nun kommt ein Fall, besonders bitter:
Ganz geld- und weiblos bleibt ein dritter.
Ein vierter prahlt mit üblen Siegen:
Mit Geld sind Weiber leicht zu kriegen.
Der fünfte ist der wahre Held:
Durch Weiber erst kommt er zu Geld!


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Verdienter Hereinfall

Ein Mensch kriegt einen Kitsch gezeigt,
Doch anstatt daß er eisig schweigt,
Lobt er das Ding, das höchstens nette,
Fast so, als ob er's gerne hätte.
Der Unmensch, kann er es so billig,
Zeigt unverhofft sich schenkungswillig
Und sagt, ihn freu's, daß an der Gabe
Der Mensch so sichtlich Freude habe.
Moral: Beim Lobe stets dran denken,
Man könnte dir dergleichen schenken!


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Vergebliche Einsicht

Ein Mensch, der hinnahm Streich um Streich,
Sprach zu sich selbst:"Ich bin zu weich!
Ab heut entfalt ich Kraft und Witz:
Ich werde hart, ich werde spitz!"
Doch mußt er an sich selbst verzagen:
Schon war er wieder breitgeschlagen!


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Vergebliche Mühe

Dem Kinde, wie's auch heult und stöhnt,
Wird wohl die Flasche abgewöhnt.
Jedoch das ewige Kind im Mann
Gewöhnt sie sich dann wieder an.

(Danke an Karl)


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Versagen der Heilkunst

Ein Mensch, der von der Welt Gestank
Seit längrer Zeit schwer nasenkrank,
Der weiterhin auf beiden Ohren
Das innere Gehör verloren,
Und dem zum Kotzen ebenfalls
Der Schwindel raushängt schon zum Hals,
Begibt sich höflich und bescheiden
Zum Facharzt für dergleichen Leiden.
Doch dieser meldet als Befund,
Der Patient sei kerngesund,
Die Störung sei nach seiner Meinung
Nur subjektive Zwangserscheinung.
Der Mensch verlor auf dieses hin
Den Glauben an die Medizin.


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Versäumte Gelegenheiten

Ein Mensch, der von der Welt bekäme,
Was er ersehnt - wenn er's nur nähme,
Bedenkt die Kosten und sagt nein.
Frau Welt packt also wieder ein.
Der Mensch - nie kriegt er's mehr so billig! -
Nachträglich wär er zahlungswillig.
Frau Welt, noch immer bei Humor,
Legt ihm sogleich was andres vor:
Der Preis ist freilich arg gestiegen;
Der Mensch besinnt sich und läßt's liegen.
Das alte Spiel von Wahl und Qual
Spielt er ein drittes, viertes Mal.
Dann endlich ist er alt und weise
Und böte gerne höchste Preise.
Jedoch, sein Anspruch ist vertan,
Frau Welt, sie bietet nichts mehr an
Und wenn, dann lauter dumme Sachen,
Die nur der Jugend Freude machen,
Wie Liebe und dergleichen Plunder,
Statt Seelenfrieden mit Burgunder ...


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Versicherung

Unsicher ist's auf dieser Erden,
drum will der Mensch versichert werden.
Hat er die Zukunft nicht vertraglich,
so wird's ihm vor ihr unbehaglich.
Das Leben, ständig in Gefahr,
zahlt er voraus von Jahr zu Jahr,
daß auch in unverdienter Not
er was verdient, selbst durch den Tod.
Die Krankheit wird schon halb zum Spaße,
weiß man: das zahlt ja doch die Kasse!
Und wär das Leben jäh erloschen,
gäb's hundert Mark für einen Groschen.
Ja, so ein Bursche spekuliert,
daß durch Gesundheit er verliert!
Der Teufel aber höhnisch kichert:
"Wie seid ihr gegen mich versichert?"
Ja, stellt der Teufel uns ein Bein,
springt die Versichrung meist nicht ein.
Der allzu Schlaue wird der Dumme:
Zum Teufel geht die ganze Summe,
und wirklich wertbeständig bliebe
auch hier nur: Glaube, Hoffnung, Liebe!


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Vieldeutung

Ein Mensch schaut in der Zeit zurück
und sieht, sein Unglück war sein Glück.


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Volle Züge

Ein Mensch, der sonst zwar das Vergnügen
Recht gern genießt in vollen Zügen,
Legt grad beim Reisen, umgekehrt
auf volle Züge wenig wert.


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Voreilige Grobheit

Ein Mensch, der einen Brief geschrieben,
ist ohne Antwort drauf geblieben
und fängt nun, etwa nach vier Wochen,
vor Wut erheblich an zu kochen.
Er schreibt, obgleich er viel verscherzt,
noch einen Brief, der sehr beherzt,
ja, man kann sagen, voller Kraft,
ganz ehrlich: äußerst flegelhaft!
Nun nimmt das Schicksal seinen Lauf.
Denn diesen Brief gibt er auch auf!
Die Post wird pünktlich ihn besorgen -
Doch siehe da, am nächsten Morgen
ist leider, wider alles Hoffen,
bei ihm die Antwort eingetroffen,
in der von jenem Herrn zu lesen,
er sei so lang vereist gewesen,
nun sei er aber wieder hiesig
und freue sich daher ganz riesig,
und er - der Mensch - könnt mit Vergnügen
nach Wunsch ganz über ihn verfügen.
Der Mensch, der mit dem Brief, dem groben,
sein Seelenkonto abgehoben,
nein, noch viel tiefer sich versündigt:
Das Los zum Ziehungstag gekündigt,
schrieb noch manch groben Brief im Leben -
Doch ohne ihn dann aufzugeben!


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Vorsicht!

Ein Mensch wähnt, in der fremden Stadt,
wo er Bekannte gar nicht hat,
in einem Viertel, weltverloren,
dürft ungestraft er Nase bohren,
weil hier, so denkt er voller List,
er ja nicht der ist, der er ist.
Zwar er entsinnt sich noch entfernt
des Spruchs, den er als Kind gelernt:
"Ein Auge ist, das alles sieht,
auch was in finstrer Nacht geschieht!"
Doch hält er dies für eine Phrase
und bohrt trotzdem in der Nase.
Da ruft's - er möcht versinken schier -
"Herr Doktor, was tun Sie denn hier?"
Der Mensch muß, obendrein als Schwein,
der, der er ist, nun wirklich sein.
Moral: Zum Auge Gottes kann
auf Erden werden jedermann.


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Wandlung

Dass wir den Arzt nicht fürchten dürfen,
ist klar - doch wenn wir tiefer schürfen,
so kommen wir auf den Gedanken:
heut fürchtet mehr der Arzt die Kranken!


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Warnung

Ein Mensch, verführt von blindem Zorn
Bläst in das nächste beste Horn.
Nun merkt er, nach dem ersten Rasen,
Daß er ins falsche Horn geblasen.
Zu spät! Der unerwünschte Ton
Ist laut in alle Welt entflohn.
Wenn schon Moral, dann wär es diese:
Daß man am besten gar nicht bliese!


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Warte

Warte, dass die Nacht noch tiefer werde
ehe du dich grenzenlos ergibst
Trinke erst den Dämmerrausch der Erde
ehe du mich liebst.
Dann wenn alle lauten Stimmen schweigen
klingt nur mehr die Nacht. Ganz groß und klar.
Und ich will mich leuchtend niedereigen
Traumhaft auf dein Haar.
Und ganz alte Lieder, lang verschollen
singen leis, oh leis durch deine Brust.
Die Unsagbares dir sagen wollen
dass du weinen musst.
Und du wirst dich schweigend an mich lehnen
wie von tausend Liebesnächten schwer.
Und du wirst dein letztes Glück ersehen
mehr als mich, viel mehr...
Warte dass die Nacht noch tiefer werde
ehe du dich grenzenlos ergibst.
Und du trinkst den Himmel und die Erde
wenn du mich dann liebst.


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Wichtiger

Im Alter werden Freunde selten:
Drum, die du hast, die lasse gelten!
Recht kannst du manchmal leicht behalten,
Doch schwer den Freund, den guten, alten!


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Weltlauf

Ein Mensch, erst zwanzig Jahre alt,
Beurteilt Greise ziemlich kalt
Und hält sie für verkalkte Deppen,
Die zwecklos sich durchs Dasein schleppen.
Der Mensch, der junge, wird nicht jünger:
Nun, was wuchs denn auf seinem Dünger?
Auch er sieht, daß trotz Sturm und Drang,
Was er erstrebt, zumeist mißlang,
Daß, auf der Welt als Mensch und Christ
Zu leben nicht ganz einfach ist,
Hingegen leicht, an Herrn mit Titeln
Und Würden schnöd herumzukritteln.
Der Mensch, nunmehr bedeutend älter,
Beurteilt jetzt die Jugend kälter,
Vergessend frühres Sich-Erdreisten:
"Die Rotzer sollen erst was leisten!"
Die neue Jugend wiedrum hält ...
Genug - das ist der Lauf der Welt!


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Zur Warnung

Ein Mensch, zu kriegen einen Stempel,
Begibt sich zum Beamten-Tempel
Und stellt sich, vorerst noch mit kalter
Geduld zum Volke an den Schalter.
Jedoch, wir wissen: Hoff- und Harren
Das machte manchen schon zum Narren.
Sankt Bürokratius, der Heilige,
Verachtet nichts so sehr wie Eilige.
Der Mensch, bald närrisch-ungeduldig
Vergisst die Ehrfurcht, die er schuldig,
Und, wähnend, dass er sich verteidigt,
Hat er Beamten schon beleidigt.
Er kriegt den Stempel erstens nicht,
Muss, zweitens, auf das Amtsgericht,
Muss trotz Entschuldigens und Bittens
Noch zehn Mark Strafe zahlen, drittens,
Muss viertens, diesmal ohne Zorn,
Sich nochmal anstelln, ganz von vorn,
Darf, fünftens, keine Spur von Hohn
Raushörn aus des Beamten Ton
Und darf sich auch nicht wundern, sechstens,
Wenn er kriegt Scherereien, nächstens.
Geduld hat also keinen Sinn,
Wenn sie uns abreißt, mittendrin.


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Zu spät

Ein Mensch zertritt die Schnecke, achtlos,
Die Schnecke ist dagegen machtlos.
Zu spät erst kann sie, im Zerknacken,
Den Menschen beim Gewissen packen.


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Zweierlei

Ein Mensch - man sieht, er ärgert sich -
schreit wild: Das ist ja lächerlich!
Der andre, gar nicht aufgebracht,
zieht draus die Folgerung und - lacht.


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Zweifel

Ein Mensch ist dazu wild entschlossen:
Das gute Kräutchen wird begossen,
Das schlechte Unkraut ausgerottet. -
Doch ach, des Lebens Wachstum spottet,
Und oft fällts schwer, sich zu entschließen:
soll man nun rotten oder gießen?


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